Den ein oder anderen dieser Sprüche hat wohl jede Frau von uns schon einmal zu hören bekommen: ein Aufreißer-Spruch vom aller feinsten. Wir haben uns gefragt, was das mit dem Aufreißen auf sich hat und warum Männer überhaupt solche Sprüche benutzen – Sylvia Maß aus Nürnberg, die unter anderem als Flirt- und Single-Coach arbeitet, bringt Licht ins Dunkle.

Wie bist du Flirt-Coach geworden?

Ich komme ursprünglich aus dem Wirtschaftsbereich. Bei mir ging es in die Richtung von Steuerberatung. Da habe ich gemerkt, dass mein Herz, im wahrsten Sinne des Wortes, tatsächlich woanders liegt. Nämlich an dem Zwischenmenschlichen, an dem Thema Kommunikation. Wie gehen Menschen miteinander um, warum tun sie das, was sie tun, was sind deren Motive. Das hat mich schon immer interessiert. Vor 18 Jahren habe ich mich mit meinem Unternehmen „Yoursense“ dann selbstständig gemacht. Da ist auch der Name Programm. In Allem, was sie planen und tun, sollten sie Sinn finden. Und da bin ich meiner eigentlichen Passion nachgegangen. Als Single nach meiner Scheidung habe ich auch einiges erlebt. Und aus dem ist ein Konzept entstanden, wie man an bestimmte Themen einfach herangehen kann – ich war schon immer jemand, der gerne direkt auf das Ziel zugeht. Mit dem Konzept, das ich anbiete, gehen wir punktuell bestimmte Sachen einfach an. Es geht hauptsächlich um Selbsterkenntnis und nicht ums Aufreißen oder um diese neumodischen Pick-Up-Seminare. Das ist provokativ gesagt eher die Kerbe auf dem Bettpfosten als wirklich eine zwischenmenschliche Beziehung einzugehen. Die, die dort hingehen, um lockerer im Ansprechen zu werden, sind dort auch eher falsch aufgehoben. Es kommt da nicht vom Herzen.

Kannst du sagen, warum gerade Männer gerne solche Anmachsprüche benutzen?

Ich komme jetzt sehr stark aus dem Geschäftsleben. Da ist es für mich überhaupt kein Problem zu sagen „Hallo, mein Name ist Sylvia Maß. Ich mache das und bin das“. Aber ich habe auch gestandene Männer hier sitzen, Ende 30, Mitte 40, die mich genau dasselbe fragen. Wie kann ich eine Frau ansprechen? Da sage ich „Ja ganz normal. Sie sind doch Geschäftsmann. Wo liegt denn das Problem, einfach mal ganz freundlich ,Grüß Gott‘ zu sagen und dann ganz locker ins Gespräch zu kommen? Bei Neukunden können Sie das doch auch.“ Ich habe den Eindruck, dass das ihnen zu banal vorkommt. Vor allem, wenn es um die Angebetete geht. Vielleicht ist diese Frau, die man sich nicht traut anzusprechen, weil sie Germany’s Next Topmodel sein könnte, gar nicht auf derselben Wellenlänge und eine andere schon. Ich habe eher den Eindruck, dass diese Männer etwas ängstlich sind.

Es gibt also auch nicht DEN einen Anmachspruch, der funktioniert?

Nein. Also mir ist zumindest noch keiner untergekommen. Bei manchen muss man sicherlich lachen und bei manchen fällt einem sicher noch ein dämlicherer Spruch dazu ein. Aber ich frage mich dann, was ich mit so jemandem soll. Und ich kann mir vorstellen, dass es vielen Frauen – egal in welchem Alter – genauso geht. Haben Sie schon mal eine Liebesgeschichte gehört, die auf die Frage „Wie habt ihr euch denn kennengelernt?“, mit „Weißt du, ich bin damals in einer Bar von meinem Freund angesprochen worden mit den Worten: Ey, der Himmel muss doch traurig gewesen sein dich Engel verloren zu haben“. Eine Liebesgeschichte, die so beginnt, habe ich noch nie erzählt bekommen. Das waren doch ganz normale alltägliche, witzige, manchmal magische, manchmal schicksalhafte Begegnungen. Aber nicht solche komischen Sprüche.

Gibt es generell Unterschiede im Flirtverhalten von Männern und Frauen?

Aus meiner Sicht, die ich auf Menschen werfe, würde ich nein sagen. Außer vielleicht, dass Frauen dazu neigen, sich passiver zu verhalten. Wovon ich persönlich auch ein Fan bin. Aber das geht ja auch fast schon in eine klischeehafte Richtung. Jeder ist ein Stückchen unsicher. Jeder macht sich Gedanken. Jeder, der Single ist, prüft mehr oder minder schnell in seinem inneren Checklisten System, ob er den anderen attraktiv findet? Übrigens auch in jedem Alter.

Was ist mit dem „Jagdtrieb“ der Männer?

Das ist auch wieder so ein Klischee. Das mag vielleicht früher mal so gewesen sein. Aber ich empfinde das heutzutage nicht mehr so. Dadurch dass auch Männer unsicher sind, jagen sie ja nicht. In einer Straßenumfrage eines Radiosenders, ob die Frau den Mann zuerst ansprechen soll, wurde ersichtlich: Von zehn Männern würden es neun Männer begrüßen, nicht den ersten Schritt zu machen und sagen auch, sie würden sich sogar sehr darüber freuen, weil sie mittlerweile Angst haben. Von daher  glaube ich, dass nur sehr wenige Männer „jagen“.

Gibt es ein Patentrezept, mit dem das Flirten klappt?

Da haben wir auch wieder einen Punkt. Das mit dem Flirten klappt – aber will man nur flirten? Also die meisten wollen ja nicht wirklich nur flirten. Die meisten wollen einen Partner, romantisiert den Seelenpartner, fürs Leben haben. Zumindest die, die zu mir kommen. Aber Flirten kann man auch beim Bäcker. Die meisten wollen eine Partnerschaft beziehungsweise eine feste monogame Beziehung eingehen. Dafür muss ich aber nicht flirten. Ich kann auch jemandem den Kaffee über seinen Anzug kippen und damit ins Gespräch kommen. Das ist aber nicht wirklich geflirtet. Zumindest würde kaum einer diesen Kaffeeangriff als Flirtinitiative ansehen.

Was ist denn für dich flirten?

Flirten ist für mich, ein nettes interessantes, anziehendes Gespräch zwischen zwei Menschen – vollkommen egal in welcher Altersgruppe. Das kann auch mit einem Zwanzigjährigen sein oder mit einem Siebzigjährigen. Das ist dann einfach ein netter wörtlicher Schlagabtausch. Flirten findet bei mir eben sehr auf der geistigen Ebene statt und nicht auf der körperlichen. Und das ist dann einfach nur nett, weil das Ego vielleicht ein Stückchen gestreichelt wird. Die ältere Generationen würden das Wort flirten nicht in den Mund nehmen. Die würden das Charmant-Sein nennen. Und charmant kann man immer zu jedem sein. Man kann auch charmant eine Absage tätigen, man kann auch charmant jemanden in die Schranken weisen oder man kann auch charmant Grenzen setzen. Das Flirten ist für mich nicht rein sexuell.

Also für einen Flirt-Erfolg muss einfach nur die Chemie stimmen?

Ja. Und wenn sie von Chemie sprechen, da mag ich das Wort Anziehung. Die Anziehung muss stimmen. Wie bei zwei Magneten. Und wenn die nicht stimmt, dann ist alles andere schwieriger. Jeder kennt das ja auch: Wenn wir einfach mal an unseren Lieblingsmenschen denken: Der kann zwei Pickel auf der Nase haben, der kann Sachen treiben, da würden wir bei jemand anderem, der haargenau das Gleiche macht, das nicht so sympathisch finden. Bei jemand anderem wäre das dann ein absolutes No-Go. Aber der Lieblingsmensch darf das. Bei dem findet man das noch süß. Oder sympathisch. Flirten ist immer eine Frage der Anziehung und der Kommunikationsfähig.

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