Der Verlust eines geliebten Menschen kann einen aus der Bahn werfen. Nichts ist mehr, wie es einmal war. Besonders Kinder und Jugendliche wissen oft nicht, was sie dann tun sollen. Alexandra Eyrich aus Bamberg begleitet Kinder, Jugendliche und Familien auf ihrem ganz persönlichen Weg der Trauer – und das auf eine ganz bewundernswerte Art und Weise.

Ein fünfjähriger Junge verliert seine kleine Schwester. Sie ist bei der Geburt gestorben. Er stellt keine Fragen, redet mit niemandem darüber, sieht seine Eltern aber sehr traurig. Was der Junge fühlt und ob er mit dem Verlust der kleinen Schwester klarkommt, für die ganze Familie absolut nicht greifbar. „Ich bin dann einfach zu ihm hingegangen und wir haben uns kurz unterhalten. Dann wollte er mir unbedingt seine Eisenbahn zeigen – so wie Kinder das halt machen“, erzählt Trauerbegleiterin Alexandra Eyrich. Gemeinsam mit dem kleinen Jungen baut sie die Schienen auf. Danach legt Alexandra einzelne Zugstationen mit Gefühlen fest und lädt auf einen Zugwaggon Taschentücher, auf einen anderen legt sie ein Spielzeug, das für die verstorbene Schwester gedacht war. „In dem Spiel habe ich dann irgendwann die beladenen Waggons und die Gefühlsstationen aufgegriffen. Und dann kam der Junge ins Sprechen, da bekommt man dann schon raus, was er denkt und fühlt“, erzählt Alexandra, die mit ihrer Trauerinitiative „Zwischen-GeZeiten“ in Bamberg auf Kinder, Jugendliche und Familien spezialisiert ist. „Mit Jugendlichen baue ich natürlich keine Eisenbahn auf, da sind ganz andere Herangehensweisen gefragt. Dafür muss ich aber ihre Lebenswelt verstehen.“ Bei Jugendlichen arbeitet Alexandra gerne mit Attributen aus der Fantasy-Romanreihe Harry Potter – vorausgesetzt ihr Gegenüber hat einen Bezug dazu. Momentan begleitet Alexandra einen absoluten Harry Potter-Fan. Als dieser den lebensgroßen Pappaufsteller von Professor Severus Snape in der Ecke von Alexandras Büro sah, war das Eis zwischen ihm und der Trauerbegleiterin direkt gebrochen. Alexandra arbeitet dabei gern mit den Attributen von den Heiligtümern des Todes oder mit Dobby, dem Hauself. „Sobald Dobby sich schuldig fühlt, bestraft er sich selbst. Es ist zwar nicht so, dass sich die Kinder oder Jugendlichen unbedingt selbst verletzen, aber sie haben oft das Gefühl, dass sie für den Tod eines geliebten Menschen büßen müssten“, erklärt Alexandra. Dobby sei eine fantastische Figur, um die Brücke zur Trauerbegleitung zu schlagen.

Trauerbegleitung für Kinder, Jugendliche und Familien in Bamberg

Um mit solchen Methoden arbeiten zu können, ist es jedoch wichtig, dass sich Alexandra und ihre acht Mitarbeiter mit der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen auskennen. „Ich habe Erzieherin gelernt, war also schon immer mit der Zielgruppe befasst“, erklärt Alexandra. Berufsbegleitend studierte sie dann Psychotherapie und musste ein viermonatiges Pflichtpraktikum machen: „Und da bin ich damals in der Hospizarbeit gelandet. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich in dem Bereich so hängen bleibe, das hätte ich niemals geglaubt.“ Selbst jetzt – Jahre nach ihrem Praktikum – ist Alexandra noch ehrenamtlich in der Hospizarbeit tätig und hat dort die Kinder- und Jugendtrauerarbeit initiiert. Im Hospiz ist sie mit auf den Stationen und betreut Familien. „Irgendwann fiel mir auf, dass die Hospizarbeit immer nur bis zu dem Punkt des Sterbens geht. Doch genauso wichtig ist es, dass Familie und Freunde nach dem Tod eines geliebten Menschen wieder zurück ins Leben finden. Und da ging für mich eine riesen Schere auseinander zwischen Hospizarbeit und Trauerbegleitung.“ Alexandra sprudelte vor Ideen und daraus entstand dann ihre Trauerbegleitung für Kinder, Jugendliche und Familien in Bamberg, die sich nur über Spendengelder finanziert.

Viele übermannt von der Vielfalt an Gefühlen

Wenn Kinder oder Jugendliche einen geliebten Menschen verlieren, steht die Welt erst einmal Kopf. „Sie müssen durch eine absolute Vielfalt an Gefühlen. Es ist ja nicht nur das Weinen oder die Wut – da gibt es so viele Nuancen“, erklärt die Trauerbegleiterin. Sie und ihr achtköpfiges Team begleiten das Kind auf dem Weg und schauen, wie die erlebte Situation so in das Leben integriert werden kann, dass das Leben weitergehen kann. Selbst bei Jugendlichen, die nach der Trauerbegleitung wieder fest im Leben stehen, wird es wichtige Tage geben wie beispielsweise ihre Hochzeit, wo sie überglücklich, aber auch unglaublich traurig sind, weil jemand Besonderes fehlt: „Weg sein wird die Trauer nie, aber man sollte sie mitnehmen können, ohne dass sie einen daran hindert, wieder im Leben anzukommen“, sagt Alexandra.

Individueller Umgang mit Trauer

Manche Kinder oder Jugendliche brauchen dafür gar keine Hilfe von Trauerbegleitern, anderen reichen ein paar Stunden, um ihre Gedanken zu ordnen – egal ob auf der Trauerfreizeit mit anderen Kindern oder alleine mit einem Trauerbegleiter –, andere sind über Jahre bei Alexandra und ihrem Team. „Wir kommen da auch wirklich in wahnsinnig dramatische Situationen, die uns natürlich auch berühren, aber wir müssen einfach handlungsfähig bleiben“, erklärt sie.  Doch wie schafft man das? „Ich denke, das Wichtigste ist, selbst gut im Leben zu stehen – mit allen Hochs und Tiefs, die jeder Mensch hat. Und man muss selbst gerne leben. Mit einer grundlegenden positiven Einstellung zu dem Ganzen ist es auch möglich, dieses Leid zu sehen. Und nur so können wir den Kindern und Jugendlichen zeigen, dass es sich lohnt, weiterzumachen“, sagt Alexandra.