Wie hat gestern  dein Mittagessen geschmeckt? War es trocken oder saftig? Wie warm war dein  Essen? Kannst du es mit Genauigkeit sagen oder neigst du auch dazu, während einer Sache bereits die nächsten zu planen? Dann bist du nicht achtsam. Doch diese Achtsamkeit benötigst du, um im Hier und Jetzt zu leben – keinen Moment in deinem Leben zu verpassen. Wie das geht und was mit uns geschieht, wenn wir Geist und Körper zu viel zumuten, erklärt Jana Kerz, Achtsamkeitstrainerin im Yoga-Studio „Glücksbringer“ in Würzburg.

Die Brust hebt und senkt sich. An den Füßen spüre ich einen kalten Luftzug – die Fotografin huscht vorbei. Im Hintergrund höre ich leise Musik. Meine Daumen und Zeigefinger treffen aufeinander. Der Druck wird immer stärker. Warum nur konzentriere ich mich so auf meine Finger? Meine Augen stehen keine Sekunde still und hasten von links nach rechts. „Es ist doch noch lange hell draußen“, wollen sie mir wohl sagen. „Warum also schließt du uns?“

Ich schaffe es nicht, die Aufmerksamkeit auf den Moment zu richten. Immer wieder schweife ich mit den Gedanken ab. Wie so oft. „Am Tag werden wir immer wieder durch das Internet, WhatsApp und andere Medien abgelenkt, sodass wir vergessen, im Moment zu sein – im Jetzt zu sein“,  bedauert Achtsamkeitstrainerin Jana Kerz aus Würzburg. Auch die 47-Jährige ließ sich als Mitarbeiterin eines Wirtschaftsunternehmens ihr Leben von Stress, Hektik und Unruhe diktieren. Als engagierte Triathletin und Persönlichkeitstrainerin kam sie jedoch eines Tages mit Yoga in Berührung. Eine Leidenschaft, die ihr ganzes Leben veränderte.

Aufmerksamkeit muss man lernen

„Ich fand den  Entspannungszustand einfach großartig. Ich habe mich sofort verliebt.“ Wegen dieser Liebe reduzierte sie ihre Arbeit und gab sie nach einem Jahr vollkommen auf. Ihre neu gewonnene Kraft investiert sie seitdem in ihr Studio „Glücksbringer“, das sie seit 2014 mit ihrem Geschäftspartner betreibt. „Aufmerksamkeit ist nicht gegeben. Wir müssen sie lernen“, weiß die Yogalehrerin und Energieberaterin. Und deswegen bietet sie in ihrem Studio in Würzburg zusammen mit ihrem Team, bestehend aus 20 Trainern, verschiedenste Yoga-Variationen an – von Yin Yoga bis hin zu Hatha Yoga.

„Wie oft am Tag sind wir wirklich aufmerksam? Wenn man beispielsweise Kaffee trinkt oder isst, plant man bereits die nächsten Dinge. Der Mensch ist aber nicht für Multitasking gemacht.“ Dadurch entgehen uns im Alltag viele Dinge. Ein kleiner Selbsttest: Wie hat euer Frühstück geschmeckt? War es fade oder würzig? Sich auf eine Sache zu konzentrieren, fällt uns nicht einfach. „Dabei ist Multitasking weit entfernt von Achtsamkeit. Das was wir tun, sollten wir im Hier und Jetzt tun.“

Ist das nicht möglich, brennen wir ab, erklärt Jana Kerz. Burnout und andere persönliche Krisen sind die Folge. Dann ist es wichtig, den Körper und Geist aus der Entschleunigung zu holen. Vor allem Frauen neigen zur Zerstreuung – können sich dadurch im Alltag weniger merken. Die panische Suche nach dem Autoschlüssel ist praktisch vorprogrammiert. „Doch mit Achtsamkeit“, so Jana, „könnten Frauen beispielsweise fühlen, wo sie ihren Autoschlüssel verlegt haben.“

Symbiose aus Yoga, Meditation und Bewusstseinsarbeit

Auch die 47-Jährige musste lernen, sich auf eine Tätigkeit zu konzentrieren. Ihren Trainerschein machte sie in Hamburg und ließ sich anschließend auf der ganzen Welt inspirieren. Acht Monate verbrachte sie in Indien und bildete sich im Bereich Chakren, Meditation und Bewusstseinsarbeit weiter. Auch eine Yoga-Tantra-Schulung in Portugal steht auf ihrer Vita. Die Einflüsse und Erfahrungen, die sie auf ihren Reisen gesammelt hat, gibt sie nun ihren Kundinnen im Studio weiter.

Daher weiß Jana: Mit Achtsamkeit alleine ist es nicht getan. Auch die richtige Ernährung und ausreichend Bewegung sind essenziell für einen wachsamen Körper und Geist. „Ich empfehle einmal am Tag in die Natur zu gehen.“ Auch die Atmung kann uns in einer stressigen Phase aus der Entschleunigung holen. Während Babys in den Bauch atmen, erlauben wir der Luft nur bis zum Brustkorb vorzukommen. „Aber eine entspannte Atmung führt zu uns selbst“, erklärt die Energieberaterin. Ihr Tipp: Sieben mal tief ein und ausatmen – egal ob im Büro, auf der Toilette oder im Kaufhaus.

Stärkung von Lebensqualität und zwischenmenschlichen Beziehungen

Außerdem ist es wichtig, sich darauf zu besinnen, was man will. „Vor der Wohnungssuche sollten wir uns überlegen, was wir wollen und  dann auch nur Objekte anschauen, die diese Kriterien erfüllen. Aber was machen wir? Wir schauen uns alles an, weil wir Angst haben, uns könnte was entgehen.“ Diese Einstellung führt schnell zu neuem Stress. Auch Jana  kennt diesen Stress – kennt das Gefühl, nicht im Hier und Jetzt zu leben. „Ohne mein Studio wäre ich nicht überlebensfähig. Das Leben ist leichter, zentrierter, reflektierter.“ Sie hat für sich eine eigene Methode entwickelt – reflektiert nach allen wichtigen Entscheidungen ihre Achtsamkeit auf einer Skala von eins bis zehn. „Man darf sich nicht schlecht machen, wenn es mal nicht klappt. Ich denke mir in dem Moment, dass ich alles gegeben habe und weiß dann auch, was mir in dieser Situation gefehlt hat.“ Und so wirkt sich Achtsamkeit nicht nur auf ihr Leben, sondern vor allem auf ihre Partnerschaft positiv aus. „Die Qualität der Partnerschaft erhöht sich. Es wird lebendiger und echter“, reflektiert die 47-Jährige.

Yoga, so Jana, sei nur eine Möglichkeit, uns auf uns zu besinnen. Wer stattdessen sein Haus neu dekorieren möchte oder lieber eine Runde joggt, kann das stattdessen tun. „Ihr solltet einmal am Tag etwas Unvernünftiges machen“, fordert die Yogalehrerin. „Fahrt mal eine andere Strecke zur Arbeit oder geht morgens in der Kälte joggen. Ihr werdet sofort merken wie achtsam ihr seid, wenn ihr etwas Anderes oder Unvernünftiges macht. Geht raus aus eurer Komfortzone.“