Anna Willmerdinger ist Coda. Das ist die englische Abkürzung für Children of Deaf Adults – zu Deutsch Kinder gehörloser Eltern. Wie ihre Eltern ihr Leben geprägt haben und dass es bei ihnen Zuhause keinesfalls leise zugeht, hat die junge Frau, die ursprünglich aus München kommt und heute in Bamberg lebt, LANDmadla verraten.

Während wir uns mit Anna unterhalten, sind ihre Hände kaum still. Aber nicht weil sie nervös ist. Ganz unbewusst bewegen sie sich harmonisch zu ihrem Gesagten. Es scheint ein bisschen als würden die Hände der 27-Jährigen eine eigene Sprache sprechen. Als wir Anna darauf ansprechen, lacht sie: „Ich gebärde häufig mit und bekomme oft zu hören ‚Anna das musst du nicht machen‘.“ Doch als Kind gehörloser Eltern ist es schwer, das abzustellen. Seit Anna klein ist und mit dem Sprechen begonnen hat, unterhält sie sich mit ihren Eltern in Gebärden.  Heute ist das nichts Ungewöhnliches. Zur damaligen Zeit war es aber keinesfalls Gang und Gebe. „Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) als eigene Sprache mit einer eigenen Grammatik und Kultur ist erst seit 2002 gesetzlich anerkannt.“ Davor hat man von Gehörlosen erwartet, dass sie die Lautsprache lernen und sich über sie mit ihren hörenden Mitmenschen verständigen, erklärt uns die gelernte Gehörlosenpädagogin und Gebärdensprachdolmetscherin. Vor allem bei Gehörlosen mit hörenden Kindern war die Erwartungshaltung da ganz klar – auch wenn Sprechen für taube Menschen häufig schwierig ist. Zwar haben sie einen funktionsfähigen Stimmapparat, können diesen aber nicht immer korrekt einsetzen, weil ihnen das Gefühl fehlt. Viele Gehörlose lispeln oder können die Wörter nicht richtig aussprechen, erklärt uns Anna. „Als meine Eltern wussten, dass ich hören kann, haben sie beides gemacht. Sie haben gebärdet und gleichzeitig mit mir gesprochen.“ Doch kam von Anna erst mal nichts Nonverbales zurück. Erst als die Eltern dem Rat einer Freundin aus Amerika, einer Professorin für Pädagogik, folgten und nur noch über Gebärden mit ihrer Tochter kommunizierten, änderte sich das. Wenn ein Kind gesund ist und alle Sinne hat, dann hat Hören Vorrang vor dem Sehen – so die Argumentation der Expertin. Tatsächlich konnte man das auch bei Anna beobachten. „Wenn mir meine Eltern ein Buch vorgelesen haben, habe ich am Anfang immer darauf gewartet, dass sie sprechen. Ich habe zwar die Gebärden gesehen, war aber immer auf die Lautsprache angewiesen.“ Ab dem Zeitpunkt, ab dem ihre Eltern sich auf die Gebärdensprache konzentrierten, kam dann endlich auch von Anna etwas in Gebärden zurück. Und auch das Sprechen setzte ganz von alleine ein. „Unsere Verwandtschaft ist vollkommen hörend und hat ganz normal mit mir gesprochen. Außerdem war ich noch in einer Kinderkrippe“, erzählt sie. Probleme mit dem Sprechen hatte sie daher nie. Nur bei Redewendungen haperte es ab und an mal. „In der Gehörlosensprache sagt man zum Beispiel ‚Das ist eine alte Suppe‘, was man in der deutschen Lautsprache ja nicht sagt und was so viel bedeutet wie ‚Das ist doch Schnee von gestern‘“. Hier haben sie ihre Oma oder jemand anderer aus der Familie dann einfach korrigiert.

Neue Formen von „laut“

Trotz der Tatsache, dass Anna und ihre jüngere Schwester Maria hauptsächlich über die Gebärdensprache mit ihren Eltern kommunizieren, geht es in ihrer Familie aber keinesfalls leise zu. „Bei uns Zuhause ist es auf eine andere Weise laut. In dem Sinne, dass es zum Beispiel visuell sehr laut ist. Wir haben in jedem Raum ein Licht, das angeht, wenn die Türglocke geht oder das Telefon läutet. Außerdem gucken wir viel mehr als dass wir auf akustische Signale hinhören. Das periphere Sehfeld ist bei Gehörlosen viel größer“, erklärt Anna. Alles andere als leise sei auch die allgemeine Geräuschkulisse im Haus. Ihre Eltern klimpern und scheppern beispielsweise umso lauter mit dem Siebträger der Kaffeemaschine oder mit dem Geschirr und Besteck, wenn sie die Spülmaschine ein- oder ausräumen. „Nein, leise ist es bei uns auf keinen Fall“, lacht Anna, der man im Gespräch deutlich anmerkt, wie gern sie ihre Eltern hat.

Für mich ist es ganz normal gehörlose Eltern zu haben. Meine Eltern können alles, nur nicht hören.

Tatsächlich haben ihre Eltern immer darauf geachtet, dass Anna und ihre Schwester in beiden Kulturen aufwachsen und auch Kontakt zu hörenden Kindern und Menschen haben. Sie war im Sportverein, im Chor, aber auch im Gehörlosenverein. „Ich hatte immer beides“, erzählt sie. Dennoch: Wenn sie so darüber nachdenkt, ist die Bindung zur Gehörlosenkultur vielleicht einen Tick stärker. „Ich fühle mich unter Gehörlosen einfach daheim“, so Anna. Die Gehörlosenkultur sei zum einen viel direkter. „Es gibt kein „Sie“, sondern alle werden mit „Du“ angesprochen.“ Zum anderen gibt es auch viel mehr Körperkontakt. Wenn man auf sich aufmerksam machen möchte, tippt man den anderen leicht auf die Schulter. Zur Begrüßung wird umarmt, auch wenn man sich nicht so gut kennt. „Das ist einfach wärmer. Unter Hörenden ist dahingegen aus meiner Sicht alles ein bisschen anonymer. Aber natürlich kann ich da nicht für alle Codas sprechen.“ Mit ihnen tauscht sich Anna regelmäßig auf sogenannten Coda-Wochenenden aus. Dabei hat sie schon häufig festgestellt, dass Codas oft die gleichen Erfahrungen miteinander teilen. „Wenn wir zum Beispiel mit unseren Eltern im Restaurant sind, schmatzen diese vielleicht ein bisschen oder klappern etwas lauter mit dem Besteck. Das kommt bei manchen nicht ganz so gut und kann zu peinlichen Situationen führen“, schmunzelt die junge Frau.

Schwester als Stütze

Wichtig ist für Anna auch ihre Schwester Maria: „Ich bin total froh, dass ich meine Schwester habe. Sie weiß genau was ich  fühle und denke.“ Gerade zu Schulzeiten gab Maria ihrer großen Schwester Halt. Als Kind gehörloser Eltern hat sie sich in der Schule, insbesondere während der Pubertät, häufig ein bisschen ausgegrenzt gefühlt. Da war sie nur „die mit den gehörlosen Eltern“ und wurde teilweise als „blöd“ abgestempelt. Im Studium hat sich das dann wieder geändert. „Ich wusste schon immer, dass ich Gehörlosenpädagogik studieren will.“ Damit hat sie 2012 an der Ludwig-Maximilian Universität in München begonnen. Seit 2016 lebt und arbeitet Anna in Bamberg. Als Referendarin unterrichtet sie an der Von-Lerchenfeld-Schule mit Förderschwerpunkt Hören eine erste Klasse. Außerdem ist Anna noch staatlich anerkannte Gebärdensprachdolmetscherin und hat schon auf verschiedenen Veranstaltungen gedolmetscht:  2013 bei den Skiweltmeisterschaften für Gehörlose in Nesselwang oder 2009 – damals noch als Praktikantin – bei den Sommer-Deaflympics in Taiwan. Aber auch bei Arztbesuchen oder im Arbeitsleben dolmetscht die 27-Jährige für Gehörlose. „Die Ausbildung hat mir noch mal eine neue Perspektive gezeigt. Eben dass der Gehörlose und der Hörende auf Augenhöhe sind und der Dolmetscher nur vermittelt und den Gehörlosen nicht als Begleiter an die Hand nimmt. Das ist ein komplett anderer Ansatz als in der Gehörlosenpädagogik“, erklärt Anna. Für ihre Eltern musste Anna als Kind zum Glück so gut wie nie dolmetschen. Sie konnte immer Kind sein. „Meine Eltern haben immer gesagt, ‚Wir sind die Eltern, du bist das Kind‘.“ Dass sie nicht mit Versicherungen oder dem Vermieter sprechen musste, dafür ist sie ihnen noch heute dankbar.

Bevor wir gehen, schwirrt uns noch eine letzte Frage im Kopf herum: Wie kommuniziert man mit Gehörlosen über die Ferne? „Wir skypen oder unterhalten uns über Facetime. Das Handy ist auch für Gehörlose extrem wichtig.“ Und als es das Internet und die ganze Technik noch nicht gab? Da konnte man dann nicht mit seiner Mutter telefonieren, wenn man als Kind im Landschulheim war, oder? „Da hat man sich geschrieben oder Faxe geschickt. Damals gab es auch noch Schreibtelefone. Das waren so kleine Monitore mit einer Tastatur. Rief man dort an, hat eine Lampe geblinkt und man wusste, dass der andere schreiben möchte.“