Ob geometrisch kochen, Buchstaben und Zahlen in Farben sehen, Gesprochenes nicht nur hören, sondern auch sehen und Bewegungen hören – bei Synästhetikern sind Areale im Gehirn so gekoppelt, dass sich Sinnesreize miteinander vermischen. Eine Begabung, die sie hellwach durch die Welt gehen lässt.

Elena Hummel sieht Untertitel. Aber nicht nur, wenn sie eine DVD schaut und die Funktion im Menü bei ihrem Fernseher aktiviert ist. Während andere mit ihr sprechen beziehungsweise sie mit jemandem spricht, hört sie das Gesprochene nicht nur, sie kann es gleichzeitig auch sehen – als Untertitel.

Elena ist Synästhetikerin. Eine Synästhesie ist eine besondere Form der Wahrnehmung. So können Buchstaben und Zahlen Farben haben, Essen und Zutaten geometrisch schmecken, Bewegungen Klänge erzeugen. Die Welt eines Synästhetikers gleicht einem Rausch der Sinne. Doch warum nehmen Synästhetiker die Welt anders wahr? „Aus medizinischer Sicht ist die Synästhesie eine Kopplung von Arealen im Gehirn, eine Vermischung von Sinnesqualitäten, die bei Nicht-Synästhetikern so nicht vorhanden sind. Im wissenschaftlichen Slang sprechen wir  auch von einem ‚Hyperconnected Brain‘ “, erklärt Dr. Markus Zedler, Oberarzt an der Medizinischen Hochschule Hannover. Der Mediziner ist Experte auf dem Gebiet der Erforschung der Synästhesie sowie Gründungsmitglied der Deutschen Synästhesie Gesellschaft (DSG). „Die Kopplungen zwischen den Sinnesqualitäten sind dabei konsistent, das heißt, wenn ein Synästhetiker den Buchstaben ‚A‘ in rot sieht, dann sieht er ihn immer in dieser Farbe.“ Auch charakteristisch: Anders als bei Assoziationen müssen die Kopplungen nicht immer einen metaphorischen Sinn ergeben. So kann das Wort Zitrone bei einem Synästhetiker durchaus auch mit der Farbe Blau gekoppelt sein. Ein Synästhetiker muss nicht zwangsläufig die Farbe Gelb sehen – was für Nicht-Synästhetiker naheliegend wäre.

Wie ein Mensch zu solch einer außergewöhnlichen Fähigkeit kommt, ist genetisch bedingt – zumindest gehen Forscher derzeit sehr stark davon aus. „In der Regel erbt man eine Synästhesie“, erklärt Dr. Markus Zedler. „Wenn in einer Familie ein Synästhetiker ist, dann haben häufig noch andere Familienmitglieder eine Synästhesie oder sie haben zumindest ähnliche Merkmale, sind beispielsweise besonders sensibel oder kreativ.“ Tatsächlich ist auch die 21-jährige Elena nicht die Einzige mit einer Synästhesie in ihrer Familie. „Mein Papa sieht Buchstaben in bestimmten Farben“, erzählt sie. „Die Graphem-Farb-Synästhesie ist die am häufigsten beschriebene Form“, weiß der Experte. Im Gegensatz zu anderen Synästhesien sei sie mit am einfachsten zu greifen – vor allem für Außenstehende. Anders schaut es bei Elenas Synästhesie aus, die man im Englischen als „Ticker Tape Synesthesia“ bezeichnet. „Ich sehe die Untertitel nicht im Raum rumschwirren, sondern an einer anderen Stelle, eine Ebene beziehungsweise Perspektive weiter hinten. Ein bisschen wie bei einer Erinnerung, aber nicht verblasst“, beschreibt sie. Die Untertitel, die sie sowohl sieht, wenn jemand Deutsch oder Englisch mit ihr spricht, laufen außerdem parallel zum Gehörten ab. Aber auch ihr eigenes Wort sieht sie vor ihrem geistigen Auge im Untertitelmodus ablaufen. Eine faszinierende Vorstellung! Für die Bambergerin allerdings etwas völlig Normales. So normal, dass sie lange Zeit davon ausging, dass das bei allen Menschen so sei. Im Gespräch mit ihren Eltern kam es nur durch Zufall vor einigen Jahren heraus: „Hä, wie du siehst Untertitel?“ – hat ihre Mutter sie leicht verwundert gefragt. Wie Elena ergeht es aber tatsächlich vielen Synästhetikern. „Die beschriebene Art und Weise ist typisch dafür, wie manche erst mit 20 oder 30 Jahren bemerken, dass andere Menschen diese Fähigkeit gar nicht haben“, weiß auch Dr. Markus Zedler. Und das nicht nur, weil er im Zuge seiner Arbeit schon an die 1.000 Synästhetiker kennenlernen durfte. Der Experte fand selbst erst in einer Unterhaltung mit einer Kollegin heraus, dass er Synästhetiker ist und wie Elena die „Ticker Tape Synesthesia“ hat. „Es ist nicht wie eine Halluzination, dass man da ständig Untertitel laufen sieht. Das ist einfach da, man kann das schwer beschreiben“, erklärt Dr. Zedler. Das sei aber auch das Typische: Für Nicht-Synästhetiker damit sehr schwer greifbar.

Generell ist das Thema „Synästhesie“ in unserer Gesellschaft noch wenig bekannt – teilweise sogar in Fachkreisen. Das kann für Synästhetiker sehr gefährlich werden, weiß der Experte: „Wenn ein Synästhetiker beispielsweise zum Psychiater geht, kommt es immer wieder vor, dass dieser aufgrund der beschriebenen Vermischung von Sinnen eine Schizophrenie diagnostiziert und ein Neuroleptikum verschreibt.“ Dann wird’s gefährlich. Denn Synästhesie ist auf gar keinen Fall ein Leiden, betont Dr. Zedler ausdrücklich. Im Gegenteil:  Es ist eine Begabung, die mit ganz vielen Vorteilen verbunden ist. „Die Verknüpfungen im Gehirn eines Synästhetikers sind etwas stärker als im ‚normalen‘. Es ist nicht nur das alte analoge Internet über die Telefonleitung, sondern es ist DSL XXL – also das Schnellste, was man sich so vorstellen kann“, erklärt Dr. Zedler. Dementsprechend verfügen Synästhetiker häufig über eine besonders hohe Gedächtnisleistung, außergewöhnliche Kreativität oder Sensibilität. Das trifft auch auf die 21-jährige Elena zu. „Lesen und Schreiben ist mir eigentlich schon immer relativ leicht gefallen. Dadurch, dass man praktisch die ganze Zeit irgendwie mitliest, prägt sich die Rechtschreibung schon schnell bei mir ein“, erklärt sie. In Kombination mit ihrer Zeitstrahl-Synästhesie – Elena kann sich Erlebtes auf einem Zeitstrahl wieder ins Gedächtnis rufen – kann sie sich Dinge außerdem leichter merken. Ähnliches beschreibt auch Dr. Zedler von sich: „Ich könnte Lektor werden. Wenn ich Arztbriefe korrigiere, springen mir die Fehler förmlich entgegen.“ Für unsereiner unvorstellbar. Doch für Synästhetiker gibt es nichts Normaleres. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie man schreiben kann, wenn man den Satz, den man schreiben möchte, vorher nicht sieht“, erklärt sie und lacht.

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