Doris Brettl ist Mutter von vier Kindern, Ehefrau und größtenteils Hausfrau. Mit 47 Jahren ist damit Schluss. Sie nimmt ihren Mut zusammen und schreibt  eine Bewerbung an das Pflegezentrum Obermain – die erste in ihrem Leben.

„Ich wollte nicht mit 70 auf der Couch sitzen und mir denken: War das jetzt alles?“ Doch darauf läuft es bei Doris Brettl jahrelang hinaus. Die Mutter von vier Kindern hat nie einen Beruf erlernt und immer nur 450-Euro-Jobs angenommen. Auf Arbeit ging sie putzen, daheim ging das Putzen weiter. Sie war jahrzehntelang vor allem eins: Mutter und Hausfrau. Doch das ändert sich schlagartig. Sie verlässt ihren Mann, zieht in eine Einzimmerwohnung und beginnt mit 47 Jahren eine Ausbildung – die erste in ihren Leben.

Mit 47 Jahren habe ich meine erste schriftliche Bewerbung geschrieben.

Von einer Berufsausbildung träumte sie bereits in jungen Jahren. Krankenschwester oder Hauswirtschaftslehrerin standen damals auf ihrer Wunschliste. Doch aus dieser Hoffnung wird nichts – stattdessen putzt sie jahrelang im Mutterhaus in Vierzehnheiligen, arbeitet in einer Porzellanfabrik und ist elf Jahre in einer Änderungsschneiderei angestellt. Warum? „Ich habe meinen Mann mit 15 Jahren kennengelernt. Als Metzger hat er kaum etwas verdient und wir mussten beide arbeiten gehen.“

Mit 19 heiraten die beiden und bekommen nach und nach vier Kinder. Doris Brettl wird von vielen  Menschen  in eine Schublade gesteckt, auf der steht: „Nur Mutter und Hausfrau“.  Ihr Engagement für den Frauenbund, als Seniorenbeauftragte und Dekanatsratsmitglied nützt nichts – immer wieder muss sie sich hämische Kommentare anhören. „Sie haben  vier Kinder, da muss ja eines auf der Strecke bleiben“, bekommt sie bei einem Elternsprechtag in der Schule zu hören, weil ihr jüngster Sohn angeblich unter ADHS leidet und im Unterricht nicht mitkommt. „Einem Akademiker hätte die Pädagogin so etwas nicht gesagt“, ist sich die 48-Jährige sicher.

Ihre Unzufriedenheit wächst. Die Scheidung von ihrem Mann folgt als nächstes. „Als ich noch einmal geheiratet habe, hat man mir in Vierzehnheiligen nahegelegt, mir etwas anderes zu suchen.“ Und das tut Doris Brettl. Sie folgt ihrem  Traum aus Jugendtagen und bewirbt sich im Pflegezentrum Obermain. Ihr erwachsener Sohn schaut damals über die Bewerbung drüber.  Einen Tag nach dem Bewerbungsgespräch erhält Doris Brettl einen Anruf. Am Hörer: ihr zukünftiger Chef.

Vertrauen in dich selbst

„Da war jemand, der es dir zutraut, dass du das schaffst. Da war jemand, der denkt an dich und hofft auf dich“, beschreibt die 48-Jährige ihre Gefühle in diesem Moment. Mitte September beginnt sie endlich ihre erste Ausbildung. Ihr ganzer Stolz zu diesem Zeitpunkt: Ihre Kinder und ihr Namenschildchen. „ Auf dem Schild steht Auszubildende, das ist so cool“, freut sich die 48-Jährige. Nach einem Jahr ist sie eine Pflegekrafthelferin – wird sogar mit dem deutschen Staatspreis ausgezeichnet. „Mein Notendurchschnitt lag bei 1,2. Mir hat nur ein Punkt zu einer 1,0 gefehlt“, ärgert sie sich.

Der Ehrgeiz wird größer und das Gefühl, erfüllt zu sein, stärker. „Ich möchte nicht ganz unten stehen, sondern Verantwortung übertragen bekommen. Ich möchte andere führen“, erhofft  sich die Auszubildende.

Dass sie dafür  mit einer jungen Frau zur Berufsschule gehen muss, die bereits mit ihrer Tochter die Schulbank drückte, ist für sie ein komisches Gefühl. „Wäre ich 20 Jahre jünger, mit dem Wissen, ich hätte was bewegen können. Nun bleibt mir nicht mehr viel Zeit.“

Doch der Weg, den Doris Brettl gehen musste, hilft  ihr auch in vielen Situationen weiter. Für das Förderprogramm „Wegebau“ der Agentur für Arbeit muss sie  einen Wissenstest bestehen. „Das Lernen mit den Kindern kam mir hier zugute.“ Sie besteht den Test und erhält einen Bildungsgutschein – statt einem Auszubildendengehalt bekommt sie das volle Gehalt einer Pflegehilfskraft.

Stolz auf ihren Lebensweg

An ihrem Lebensweg etwas ändern, würde die 48-Jährige nicht wollen. „Wäre ich einen anderen Weg gegangen, würde ich die Einrichtung vielleicht leiten und wäre erfolgreich. Aber dann hätte ich nicht das, was mich geprägt hat, meine Kinder. Sie sind meine wertvollsten Güter.“

Und ihnen hat die 48-Jährige vor allem immer eins mitgeben wollen: „Es ist egal, was sie beruflich machen wollen, aber sie sollen sich ausbilden lassen.“ Heute erinnern  zahlreiche Tattoos auf Doris Brettls Körper an ihren Lebensweg. „Was geschehen ist, kann man nicht ungeschehen machen, aber vertraue auf die Zukunft“ steht auf ihrem Rücken geschrieben.

Ihre Zukunft mitgeschrieben hat Marc Schießl, der Heimleiter des Pflegezentrums. Er stellt sie mit 47 Jahren an – ist von ihrem offenen Wesen sofort überzeugt.  „In einem frauendominierten Beruf ist bei älteren Bewerberinnen in der Regel die Familienplanung abgeschlossen. Die Ausfälle sind kleiner.“ Außerdem, betont er, seien ältere Arbeitnehmer gefühlsmäßig arbeitsplatztreuer als jüngere. „Der wichtigste Aspekt ist aber die Sozialkompetenz, denn die Handgriffe in der Pflege kann man lernen.“