Ein Sprung ins kühle Nass wirkt erfrischend und belebend – das wissen wir alle. Doch auch ein Sprung ins tiefe Grün des Frankenwalds kann vitalisierend für Körper, Geist und Seele sein. „Waldbaden“ heißt ein neuer Trend, bei dem man sich vom Alltagsstress reinwaschen und neue Energie und Kraft bekommen soll. Für Holger Schramm aus Kronach allerdings nichts Neues. Seit sechs Jahren bietet der Naturcoach Waldbaden im Frankenwald an. Wie es genau funktioniert und ob die Sinne dabei tatsächlich zur Ruhe kommen, hat LANDmadla-Redakteurin Katharina ausprobiert. Nur so viel: Bikini und Badehose können dabei im Schrank bleiben und auch Bäume werden nicht umarmt.

 

„Um den Alltag loszulassen und aus dem Kopf rauszukommen, beginne ich immer mit einer Achtsamkeitsübung“, erklärt mir Holger zum Waldbaden, das im Prinzip nichts anderes sei als ein achtsamer Spaziergang durch den Wald. Im Schneidersitz sitze ich dem Naturcoach auf einer Holzbrücke im Kremnitztal bei Teuschnitz gegenüber und begebe mich zusammen mit ihm auf eine Reise durch meinen Körper. Dabei wandert meine Konzentration gemeinsam mit den Anleitungen des Entspannungstrainers zunächst zu meinen Füßen, um – wie mir Holger später erklärt – möglichst viel Distanz zu der Gedankenwolke in meinem Kopf zu bekommen. Ob das funktioniert? Ich bin eher skeptisch – ist die Gedankenwolke in meinem Kopf gerade heute besonders dicht. Meteorologisch gesehen wohl weit entfernt von leichten Quellwolken und eher mit einer sich entwickelnden Gewitterzelle vergleichbar. Dennoch versuche ich Holgers Worten zu folgen. Und tatsächlich: Nach und nach werde ich immer entspannter. Nehme das Plätschern des kleinen Bachlaufs unter mir bewusst wahr. Spüre den Wind, der leicht über meine Kleider streift. Rieche immer intensiver die Luft des Waldes, die irgendwie so herrlich frisch und rein duftet. Als mich Holger bittet die Augen wieder zu öffnen, habe ich das Gefühl, dass mein Körper ein Stück leichter geworden ist und auch die Farben des Waldes, das Grün der Blätter, das Braun der Stämme, wirken viel kräftiger. Die sich entwickelnde Gewitterzelle in meinem Kopf hat sich zwar noch nicht aufgelöst, ist aber zu einer Regenwolke geschrumpft. Die positive Wirkung des Waldes auf Körper und Psyche, die man sich beim Waldbaden zunutze macht, scheint auch bei mir zu greifen.

Bewusste Wahrnehmung der Umgebung

Alles esoterischer Humbug? Nein, weiß der Entspannungstrainer: „Es gibt Studien, welche die Wirkung des Waldes auf Körper und Psyche bestätigen.“ So sei es wissenschaftlich nachgewiesen, dass die Inhaltsstoffe in den Duftstoffen, welche die Bäume aussenden, das Immunsystem anstupsen. Die Konzentration sogenannter „Killerzellen“ im Blut sei nach einem Tag im Wald deutlich erhöht. Gleichzeitig sinke der Anteil der Stresshormone wie Cortisol, Adrenalin oder Noradrenalin um 30 bis 45 Prozent. „Ein Wald ist damit weitaus mehr als eine Ansammlung zukünftiger Ikea-Billy-Regale“, so der Naturcoach. Man kommt raus aus dem Alltag, dem damit verbundenen Stress und Lärm. „Die Stille, die Luft und die Farben des Waldes lassen uns zur Ruhe kommen“, weiß Holger. Um sich diese verschiedenen Effekte gezielt zu Nutze zu machen, bezieht er beim Waldbaden alle Sinne mit ein – über Atemübungen, meditative Elemente, intuitives Sich-leiten-lassen oder Barfußlaufen. All das soll entspannen und entschleunigen. „Beim Barfußlaufen muss man zwangsläufig aus seinem Kopf raus und rein in die Füße“, erklärt der Entspannungstrainer. Kopfüber ins tiefe Grün des FrankenwaldesDenn viele Leute seien es nicht gewohnt ohne Schuhe zu laufen, was zwei positive Nebeneffekte hat: Man konzentriert sich mehr auf den Weg und läuft zwangsläufig langsamer. Man wird in gewisser Weise ausgebremst. „Außerdem bekommt man beim Barfußlaufen eine kostenlose Fußmassage“, so Holger. Als ich das weiche Moos und die Kiefernadeln, die leicht in meine Fußsohlen pieken, unter mir spüre, weiß ich sofort, was er meint. Grashalme streifen meine Knöchel und die Wurzeln auf dem Weg erinnern mich an meine Faszienrolle Zuhause. Während wir den schmalen Pfad im Wald entlang laufen, hält mich der Entspannungstrainer immer wieder an, meine Umgebung bewusst wahrzunehmen: das Plätschern des Baches, der ein Stück unter uns verläuft oder das Glitzern der Sonnenstrahlen, die zwischen dem Grün des Waldes immer wieder aufblitzen und meine Haut kitzeln. Mit tiefen Atemzügen inhaliere ich die frische Waldluft und tauche mit meinen Sinnen immer mehr in die Atmosphäre des Waldes ein. Mein Atem wird ruhiger, meine Schritte langsamer, ich entspanne – tatsächlich!

Meditation und Kampfkunst als tragende Stützen

Kopfüber ins tiefe Grün des FrankenwaldesEintauchen in die Atmosphäre des Waldes, zur Ruhe kommen und neue Kraft tanken – das ist laut Holger Schramm auch die Essenz des Waldbadens. Seit sechs Jahren bietet der Kronacher die traditionell japanische Entspannungstechnik, auch Shinrin-Yoku genannt, im Frankenwald an.  „In Japan gab es in den 80er Jahren ganz viele Fälle von Tod durch Überarbeitung. Seitdem wird die Erforschung der Natur dort staatlich gefördert. Mittlerweile gibt es ganze Waldheilzentren, in denen Ärzte arbeiten. In Japan wird man also schon auf Krankenschein in den Wald geschickt“, erklärt der gelernte Mediendesigner, der selber in der Not zum Waldbaden gekommen ist, als ihn vor sieben Jahren Depressionen und Burnout den Boden unter den Füßen wegrissen. „Ich hatte überhaupt keine Kraft mehr und wusste, dass ich etwas in meinem Leben verändern muss.“ Meditation und Kampfkunst spielten darin schon immer eine Rolle. Während dieser Zeit wurde ihm aber auch immer mehr bewusst, dass die Natur sein Ankerpunkt ist. „Anfangs war ich gar nicht mehr in der Lage zu meditieren, doch auch wenn ich nur zwei Stunden langsam im Wald spazieren ging und ein wenig unter den alten Bäumen im Festungswald saß, spürte ich ganz deutlich, wie es mir besser und besser ging.“ Das machte ihn neugierig, mehr über die Wirkung des Waldes zu erfahren und war auch der Anstoß für die Ausbildung zum Wanderführer, Entspannungs-Coach oder TCM-Praktiker mit dem Schwerpunkt Qi Gong.

Frankenwald als Ort der Ruhe

Kopfüber ins tiefe Grün des FrankenwaldesDas was ihm zurück ins Leben geholfen hat, will der 41-Jähre in seinen  Waldspaziergängen für andere Leute zugänglich machen. Der Frankenwald ist laut dem Naturcoach dafür der ideale Ort. Um auszusteigen und zur Ruhe zu kommen, bietet er dort regelmäßig Waldbaden an. Seine Standardtour dauert um die vier Stunden. Aber auch Tagestouren von bis zu acht Stunden kann man bei dem Entspannungstrainer buchen. Auf die Frage, wie seine Waldspaziergänge angenommen werden, antwortet Holger ganz offen: „Am Anfang konnte der Frankenwälder nicht so viel damit anfangen. Da bin ich hauptsächlich mit Touristen in den Wald gegangen. Hier in der Region ist man den Wald einfach gewohnt.“ Mittlerweile sind seine Waldspaziergänge mit acht bis zwölf Teilnehmern ganz gut gebucht.“ Umso eindeutiger, gleich von Beginn an, war dafür das Feedback der Teilnehmer: „Die Mitarbeiter beim Tourismusverband in Steinwiesen, mit denen ich zusammenarbeite, sagen immer, dass die Leute, wenn ich mit ihnen aus dem Wald komme, viel weicher schauen.“ Das kann ich nachvollziehen: Auch ich fahre nach meinem Schnupperkurs Waldbaden um einiges entspannter und mit einer freundlicheren Gedankenwolke in meinem Kopf zurück in die Redaktion.