Kakteen, Löwenköpfe, Eiswaffeln – Carry‘s Kunden kommen mit den unterschiedlichsten Motivwünschen zu ihr. Für die Tätowiererin aus Kronach, die eigentlich mal einen ganz bodenständigen Beruf gelernt hat, ist nichts mehr verrückt oder ungewöhnlich.

Betritt man den Laden von Carina Geiger fühlt man sich sofort zuhause und alle Klischees, die man bis dahin über ein Tattoostudio im Kopf hatte, sind vergessen. Es herrscht eine heimelige Atmosphäre: Stehlampen und Kerzen hüllen den Raum in warmes Licht. In der Ecke lädt ein kleines schwarzes Sofa mit einem beigen Überwurf und farbigen Kissen in türkis, weiß und braun dazu ein, es sich gemütlich zu machen. Der alte Holzschrank und die Holzkommode, an der Wand gegenüber, geben dem Raum Charakter. Ein gemütliches Wohnzimmer – könnte man meinen. Doch die eingerahmten Zeichnungen  an der Wand verraten, wo wir uns eigentlich befinden: in Carry Easy’s Tattoostudio.

Wir finden die 29-jährige Tätowiererin im Nebenraum, wo sie gerade über dem Arm eines jungen Mannes lehnt und mit der Tätowiernadel die vorgezeichneten Linien auf dessen rechtem Arm nachpunktet, um am Ende eine ganz fein gepunktete Linie zu bekommen. „‘Dot Work‘ nennt sich Technik des Tätowierens“, erklärt uns Carry. Mit gekonnten Bewegungen sticht sie immer wieder mit der Nadel in die Haut und hinterlässt dort in der zweiten Hautschicht schwarze Farbe. „Im Gegensatz zur ersten Hautschicht erneuert sich die zweite Hautschicht, die man auch Lederhaut nennt, nicht. Die Farbe bleibt dort bestehen“, erklärt sie weiter. Dann wischt sie mit einem Tuch die schwarze Farbe, die auf der Oberfläche des Arms an der Einstichstelle zurückgeblieben ist, ab. Stechen, wischen, stechen, wischen – es scheint, als hätte die 29-Jährige ihr Leben lang nichts anderes gemacht, so routiniert führt sie diese beiden Bewegungen aus.

Ursprünglicher Beruf: Hörakustikerin

Dabei gibt es die Tätowiererin Carry und ihr Tattoostudio Carry Easy noch gar nicht so lange. Ursprünglich hat die 29-Jährige nämlich mal Hörgeräteakustikerin gelernt. Vier Jahre hat sie in diesem Beruf gearbeitet, in dem sie gegen Ende allerdings nicht mehr ganz so glücklich war: „Niemand gesteht sich gerne ein, dass er ein Hörgerät braucht bzw. ein Problem mit dem Hören hat. Ich musste also immer viel Überzeugungsarbeit leisten. Das ist irgendwann einfach schwierig“, erzählt sie. Die Leidenschaft zur Kunst und zum Zeichnen trug sie hingegen schon immer in sich. Auf den verrückten Gedanken, diese beim Tätowieren auszuleben, hat sie allerdings erst ein Freund gebracht. Ein anderer Freund zeigte ihre Zeichnungen dann einem Tätowierer aus Lichtenfels, der zufällig gerade Unterstützung suchte. Und so kam eins zum anderen und aus der Akustikerin wurde Anfang 2016 die Tätowiererin. Aber wie wird man eigentlich Tätowiererin? „Eine offizielle Ausbildung gibt es nicht“, erklärt sie uns. Das Meiste habe sie von dem Tätowierer in Lichtenfels gelernt. Sprich: Welche Hygienevorschriften gibt es? Wie tief darf man mit der Nadel in die Haut stechen? Was gibt es für unterschiedliche Nadeln, Farben und Hautregionen? Und wie stellt man die Maschine richtig ein? Die gelernte Hörgeräteakustikerin musste sich einiges an neuem Wissen aneignen. Vieles sei aber auch Learning per Doing gewesen. „Ich habe zu Beginn sehr viel gezeichnet, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie der Körper aufgebaut ist, wie man die Motive anpasst, damit sie auf dem Körper wirken und wie man die Zeichnungen gestaltet, damit sie überhaupt tätowierbar sind.“  Vor dem ersten Mal Tätowieren hatte sie dennoch großen Respekt. Ein Tattoo habe man schließlich sein ganzes Leben. Das Vertrauen, das ihr die Leute beim Tätowieren schenken, ist aber auch das, was für sie ihren neuen Beruf ausmacht. „Dass jemand anderer ein Leben lang etwas auf der Haut trägt, was ich selber gestaltet habe, ist für mich als Künstler eine große Ehre“, erklärt sie.

Eigenes Tattoostudio seit 2016

Seit August 2016 hat die 29-Jährige ihr eigenes Tattoostudio in Kronach. Das hat sie innerhalb weniger Tage eröffnet: Exakt fünf Tage vergingen von der Idee bis zur Eröffnung. Eine blitzschnelle Aktion, an die auch der Blitz in ihrem Logo erinnert. Die Ananas wiederum an das erste Tattoo, das sie gestochen hat. Damals hat sich ein Freund zu Übungszwecken zur Verfügung gestellt und ihr freie Hand gelassen. Rausgekommen ist eine Ananas mit einem Strand und zwei Palmen.

Was waren die verrücktesten Motive, die sie bisher gestochen hat, wollen wir von ihr wissen. „In der Tattoobranche geht es an sich etwas unkonventioneller zu“, meint Carry. Wirklich verrückt, findet sie deshalb schon lange nichts mehr. An das Tattoo eines Mannes – eine Gießkanne, Gummistiefel, Heckenschere und Gerbera – erinnert sich Carry aber dennoch mit einem Schmunzeln. „Die Großmutter des Mannes hatte eine Gärtnerei“, fügt sie erklärend hinzu. Witzig sei auch der Motivwunsch einer Frau gewesen, auf dessen Haut sie mal die Frage „Willst du mit mir gehen?“ inklusive zwei Kästchen zum Ankreuzen verewigt hat. Abgesehen von den Motiven, gibt es aber auch verrückte Körperstellen, an denen sich Tattoos verorten lassen. Intimbereich und Po gehören laut der 29-Jährigen dabei wohl zu den verrücktesten. Oder aber die Augen, wobei Carry noch niemandem die Augäpfel tätowiert hat und das auch in Zukunft nicht machen möchte. Es gibt vieles, aber nicht alles passt zu ihrer Stilrichtung.

Mandalas und Maori-Muster als Motiv Favoriten

Am liebsten sticht die Tätowiererin aus Kronach Mandalas und Maori-Muster. Filigrane Motive mit vielen feinen Linien und Punkten – „Line und Dot Work“ wie man in der Tattoobranche sagt – haben es ihr angetan. Und wie steht’s mit Farbe? „Mit Farbe mache ich eher weniger, mehr Black und Grey Work“, antwortet Carry. Oft gehen ihre Tattoos auch in die Realistic-Schiene. Löwen und Löwenköpfe sind zum Beispiel sehr beliebte realistische Motive, die sie schon öfter tätowiert hat. Aber auch Cover-Ups, bei denen ein altes Tattoo sozusagen überstochen wird, hat die 29-Jährige schon gemacht. „Bei Andre bin ich gerade dabei, sein altes Tattoo mit dem grünen Kleeblatt, das er sich mal von einem anderen Tätowierer hat stechen lassen, in ein neues einzubinden“, erklärt Carry und deutet auf den grünen Glücksbringer am Unterarm des jungen Mannes auf der Liege. Für heute hat sie ihre Arbeit an dessen Arm allerdings beendet. Sie legt die Tätowiernadel zur Seite. Dann desinfiziert sie die tätowierten Stellen und cremt sie anschließend mit Tätowiercreme ein. „Es ist wichtig, dass man die Haut nach dem Tätowieren geschmeidig hält“, sagt Carry. Dann umwickelt sie den Arm mit Frischhaltefolie, damit kein Schmutz in die noch offenen Stellen kommt.