Hinreißend ist eines dieser schönen Wörter, die viel zu selten im täglichen Sprachgebrauch Verwendung finden. Für viele fränkische Männer endet die Latte der Superlative knapp über „Passt scho“ und „Einwandfrei“ bei „Schö“. Wir finden zwar ganz sicher die Dame unseres Herzens hinreißend, versäumen aber viel zu oft, es ihr auch zu sagen. Dahinter steckt mit Sicherheit kein böser Wille, sondern wahrscheinlich nur eine eher nüchterne männliche Alltagssprache, die sich halt ein wenig schwer tut mit so schönen Begriffen wie „hinreißend“. Deutlich häufiger sind wir hin- und hergerissen von den Leistungen der von uns favorisierten Fußballvereine. Das ist ein Gefühl, dass der Club-Fan nie anders kannte, und der Bayern-Anhänger erst wieder kennen lernen musste. Doch auch fern von Sieg und Niederlage gäbe es so viele Dinge, die sich als hinreißend bezeichnen ließen: Wenn die kleine Tochter zum ersten Mal ihre Familie malt, ist das mit Sicherheit eine eher abstrakte Skizze – aber trotzdem hinreißend schön. Wenn ein Kloß in einer Sauerbratensoße schwimmt, die es so nur von der eigenen Mutter geben kann, ist das hinreißend schmackhaft. Wenn man sich nach viel zu langer Pause mal wieder mit alten Freunden trifft, wird das wahrscheinlich hinreißend unterhaltsam. Wir sollten uns einfach alle viel häufiger hinreißen lassen – und sei es nur von der Kraft des heimischen Bockbiers.