Prinzessin Vivians Märchen im Film „Pretty Woman“ wurde wahr. Am Ende rettete der Prinz die Prostituierte – zwar nicht auf einem weißen Schimmel, dafür in einer weißen Stretch Limousine. Doch wie schaut es im echten Leben aus? LANDmadla war zu Besuch in einem Bordell und Escort-Haus in Nürnberg. Welche Frauen dort arbeiten, warum sie ihren Körper verkaufen, welche Männer dorthin gehen und ob aus käuflicher Liebe auch schon mal echte Liebe wurde, darüber haben wir uns mit dem Besitzer des Bordells und seiner Geschäftsführerin unterhalten.

Opulente weiße Polstermöbel vor pinken und lila Wänden, weiße Nachttischchen im Barockstil, Felle in verschiedenen Variationen und Farben, verschnörkelte, goldene Bilderrahmen und geschwungene Kerzenständer. Dazu schwarze Fadenvorhänge und graue Vorhänge mit Ornamenten. Der extrovertierte Modedesigner Harald Glööckler würde sich pudelwohl fühlen – das war unser erster Gedanke als uns die 26-jährige Anna, die Geschäftsführerin des Bordells, durch die Wohnung führte. Und auch wenn dieser Einrichtungsstil sicherlich nicht jedermanns Geschmack ist, hätten wir uns ein Bordell so nicht vorgestellt. Irgendwie schmuddeliger. Schäbiger. „Wir sind hier alles ganz normale Menschen“, sagt Alex, der Besitzer. In einem grauen Kapuzenpullover und Jeans sitzt er uns in der kleinen Küche gegenüber und raucht eine Zigarette. „Viele glauben immer, dass die Leute, die in diesem Bereich tätig sind, alle irgendwelchen Box- und Motorradclubs angehören und dementsprechend aussehen“, verteidigt er sich und seine Mitarbeiterinnen. Tatsächlich hatte der 40-Jährige mal einen ganz normalen Beruf. Bevor er vor acht Jahren das Bordell in dem gepflegten mehrstöckigen Wohnhaus im Nürnberger Norden übernahm, war er als Key Account Manager bei Cisco Systems in der IT-Branche tätig. Ein Fehler, durch den die Firma 300.000 Dollar verlor, kostete ihm schließlich seinen Job. Durch Zufall stand zu dieser Zeit gerade das Bordell zum Kauf. Da zögerte er nicht lange und machte sich als Clubbesitzer selbstständig. Vom Wirtschaftlichen und von Marketing hatte er schließlich Ahnung, so Alex. Heute ist sein Haus, wie er uns erklärt, eines der Top-Adressen in Nürnberg.

 Vielfalt an Frauen 

Liebe im Bordell

Foto: Barbara Herbst

Fünf bis acht Frauen arbeiten im Durchschnitt in dem Bordell und Escort-Haus. Die meisten von ihnen sind um die 20 oder 21 Jahre alt und aus Osteuropa. Für die Arbeit kommen sie immer wieder für mehrere Wochen oder Monate nach Nürnberg, um danach mit hoffentlich mehr Geld in der Tasche zurück in ihre Heimat zu kehren. Denn dort warten häufig Mann und manchmal sogar Kinder auf sie. Doch nicht nur osteuropäische Frauen sichern sich mit der Arbeit im Bordell ihren Lebensunterhalt – bei der sie, wenn sie gut sind, schon mal zwischen 5.000 und 10.000 Euro pro Monat verdienen, so Alex. Auch deutsche Frauen haben in seinem Haus schon gearbeitet. „Ich hatte zum Beispiel mal eine Fachanwältin für Patentrecht als Mitarbeiterin, die in ihrem richtigen Beruf einfach nicht so gut verdient hat“, erzählt der 40-Jährige. Oder aber eine Stewardess von Air Berlin. „Diese wurde nach Flugmeilen bezahlt. Und da es im Winter weniger Flüge gibt, hat sie in dieser Zeit immer bei mir gearbeitet.“ Zu wenig Geld zum Leben – das ist der Grund, der all die Frauen antreibt, diesen Job zu machen. Auch Anna hat deshalb einmal als Prostituierte bei Alex gearbeitet, erzählt sie uns. Die hübsche, dunkelhaarige Rumänin kam mit 18 Jahren nach Deutschland. Ihre Tante hatte ihr damals von dem Bordell erzählt und ihr Alex als Chef empfohlen. Auf Empfehlung – das ist auch der Weg über den 80 Prozent der Frauen zu ihm kommen.

„Das Hauptgeschäft ist bei uns tagsüber und geht bis circa 20 Uhr. Die Mehrzahl unserer Gäste haben entweder Frau oder Freundin. Tagsüber eine Ausrede zu finden, ist deutlich einfacher.“

Es ist gerade kurz nach 11 Uhr vormittags, da klingelt es zum ersten Mal an der Tür, woraufhin Anna in ihrem schwarz taillierten Kleid mit ¾ Ärmel die Küche kurz verlässt. Als Geschäftsführerin ist es ihre Aufgabe, den Gast zu begrüßen. Außerdem ist sie für die Terminkoordination zuständig und dafür, dass die Zimmer ordentlich hergerichtet sind. Nach wenigen Minuten kommt sie zurück und fragt, ob wir an der Vorstellungsrunde teilnehmen möchten. Vorstellungsrunde? „Die Mädchen stellen sich beim Gast vor“, klärt uns Alex auf, der unsere sichtlich verwirrten Gesichter wahrgenommen hat. Vom Flur aus schauen wir uns das Schauspiel an: In Unterwäsche und High-Heels stellen sich die jungen Frauen nacheinander in dem schmalen Gang auf, um sich dann eine nach der anderen in dem Zimmer an dessen Ende dem Gast vorzustellen. Wir vernehmen zwei kurze „Hallos“, dann ist die junge Frau auch schon wieder aus dem Zimmer draußen. Nach sieben ausgetauschten Begrüßungsfloskeln dieser Art teilt der Gast schließlich Anna seine Entscheidung mit und wir gehen zurück in die Küche. 11 Uhr…wundern wir uns noch immer über die Uhrzeit.

Den typischen Bordellbesucher gibt es nicht

Liebe im Bordell

Foto: Barbara Herbst

Einen klaren Männertyp, den typischen Bordellbesucher, gibt es laut Alex aber trotzdem nicht. „Das ist total unterschiedlich und ein Querschnitt durch die Gesellschaft.“ Vom 18-Jährigen bis hin zum 80-Jährigen sei alles dabei. Auch was die Berufsgruppen betrifft: Vorstandsvorsitzende, Geschäftsmänner, Politiker, Profisportler, DJs, Pizzaboten oder Maurer. Teilweise befinden sich unter ihnen auch sehr prominente Gäste, deren Namen deutschlandweit bekannt sind. „Unsere Kunden sind sicherlich nicht immer schön, ganz bestimmt nicht, aber das sind alles gepflegte und normale Männer,“ meint Alex. Die außerdem auch nicht immer Sex wollen. „Es gibt auch Männer, die sich alleine fühlen und einfach nur reden oder zusammen etwas essen oder ein Glas Wein trinken wollen“, erklärt Anna. Einmal hatten sie zum Beispiel einen Kunden, der für 900 Euro einen Tag mit einem Mädchen auf dem Volksfest verbrachte. Ein bisschen mit einer schönen Frau in Gesellschaft Spaß haben – sonst nichts. Auch solche Geschichten gibt es, wobei sie eher die Ausnahme sind, das geben die beiden zu.

Jede Frau entscheidet selbst, was sie anbietet

Welche „Services“ eine Frau anbietet, wie es Alex nennt, darüber entscheidet bei ihm jede selbst. Je mehr sie anbieten, desto mehr Kunden haben sie – das ist das Einzige, worauf er sie hinweist. So gibt es beispielsweise Kunden, die auf Küssen Wert legen. Doch gerade beim Küssen ziehen viele eine Grenze. Nicht, weil sie Angst haben, sich zu verlieben, wie etwa Kit de Luca und die hübsche Vivian im Film „Pretty Woman“, sondern weil ihr Herz eben bereits vergeben ist: an ihren Mann oder Freund.

Wird aus käuflicher Liebe echt Liebe?

Ist aus käuflicher Liebe auch schon mal echte Liebe geworden, fragen wir die beiden am Ende unseres Gesprächs. „Dass sich ein Kunde in ein Mädchen verliebt, das kommt häufiger vor“, sagt Alex. Allerdings gibt es auch immer wieder Männer, die den Mädchen nur etwas vorgaukeln. In Wahrheit haben sie aber einen eigennützigen Hintergedanken: eine kostenlose Spielgefährtin fürs Bett. Doch es gibt auch Ausnahmen. Anna erinnert sich an zwei junge Frauen, die aus dem Job ausgestiegen sind und heute eine glückliche Beziehung mit ihrem Ex-Kunden und Jetzt-Partner führen. Auch Anna hat für ihre Liebe zu Alex als Prostituierte aufgehört. Heute arbeitet sie als Geschäftsführerin in dem Bordell. Gefunkt hat es zwischen den beiden von Anfang an. Jedoch sollten noch vier Jahre vergehen, bis sie endlich ein Paar wurden. „Wir sind am Anfang einmal miteinander ausgegangen“, erzählt Alex. Allerdings sei Anna so schüchtern gewesen. „Das Date war eine Katastrophe“, erinnert er sich und lacht. „Ich konnte anfangs nicht gut Deutsch. Außerdem hatte ich Bedenken, ob er es auch wirklich ernst mit mir meint und nicht mit jedem Mädchen etwas anfängt“, erzählt Anna ihre Version der Geschichte. Trotz anfänglicher Startschwierigkeiten kamen die beiden am Ende aber doch zusammen. Mittlerweile sind der Bordell-Besitzer und die Ex-Prostituierte seit drei Jahren verlobt.

Titelbild: KseniaT/fotolia.com