Montessori und Waldorf: Zwei Pädagogikkonzepte, die mehr beinhalten als „Namen tanzen“ und „mit Kugeln rechnen“. Noten gibt es keine, Sitzenbleiben kann niemand. Die Schüler sollen beim Lernen keinen Druck verspüren. Doch im Chaos versinken die Schulen trotzdem nicht. Wie die Pädagogen den Überblick behalten und mit den Kindern das Lernmaterial praktisch erarbeiten? Wir ziehen den Vergleich.

Montessori & Waldorf: Pädagogik gegen den Strom

Materialien spielen in der Montessori-Schule eine große Rolle. Foto: Sarah Stieranka

Montessori-Schule: Selbstständiges Lernen in Bewegung

Individualisiertes Lernen ohne Druck steht bei der Montessori-Schule in Mitwitz an oberster Stelle. Die Schüler bekommen für ihre Leistung keine Noten und können nicht Sitzenbleiben. Stattdessen erhalten sie einen Zeugnisbrief, indem neben den Unterrichtsfächern wie etwa Deutsch, Mathe oder Englisch ihr Sozial- und Arbeitsverhalten beurteilt werden. Denn die Sozialkompetenz der Heranwachsenden nimmt einen hohen Stellenwert in der Montessori-Schule ein. „Wir sind eine Schule für jedermann – ob hochbegabt, durchschnittliche Intelligenz oder Lernbehinderung – an unserer Schule sind alle Schüler willkommen. Ein stark individualisierter Unterricht ermöglicht diese Mischung“, erklärt Schulleiterin Annett Hamberger.

Aber wie sieht dieser aus? Durch jahrgangsgemischte Lerngruppen haben die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, gewisse Themen zu wiederholen bzw. gemäß ihres Lernstandes weiter zu arbeiten. Auch lerngruppenübergreifend kann dieses Angebot wahrgenommen werden. Einem Neuntklässler wird beispielsweise ermöglicht, den Unterricht einer sechsten Jahrgangsstufe zu besuchen. Das bietet sich an, wenn der Schüler den Unterrichtsstoff noch einmal auffrischen möchte. Lernstarke Schüler werden gefordert, in dem sie sich den Unterrichtsstoff aneignen dürfen, der frühestens im nächsten Jahrgang oder Jahrgängen darauf vorgesehen ist.

Arbeitsplätze sind frei wählbar

In der Monte-Quelle lernen die Schüler in Bewegung. Dies ist ein Ort, an dem eine Montessori-Pädagogin in Kleingruppen diverse Unterrichtsinhalte mit den entsprechenden Materialien aufbereitet. Zum einen fördert sie Schüler, zum anderen bringt sie den Kindern ganze neue Unterrichtsinhalte bei und fordert sie.

„Die Schüler dürfen sich Ihren Arbeitsplatz selbstständig wählen. So können sie im Flur arbeiten oder in der Aula, in der sich immer ein Pädagoge befindet,

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Schüler dürfen sich ihren Arbeitsplatz frei aussuchen. Foto: Sarah Stieranka

welcher die Heranwachsenden bei Fragen beraten und unterstützen kann“, so Annett. Zum selbständigen Arbeiten haben die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, im Selbstlernzentrum, kurz SLZ, zu recherchieren und dort an diversen Themen zu arbeiten oder Präsentationen vorzubereiten. „Dies unterstützt die selbstständige und interessenbezogene Arbeitsweise der Schüler. Auch hier finden sie eine Pädagogin vor, die ihnen jederzeit mit Rat und Tat zur Seite steht“, erklärt Annett.

Natürlich muss die Schule in Mitwitz die vorgegebenen Lehrpläne des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus einhalten. Die Schüler erhalten einen Arbeitsplan, welchen sie sich selbstständig einteilen.  So kann neben dem Fachunterricht – hierzu zählen beispielsweise NT oder Soziales – und den circa 20-minütigen Themeneinführungen auch die Freiarbeit gewählt werden. Die Schüler erarbeiten dann eigenständig die Unterrichtsinhalte, wiederholen sie oder vertiefen sie. Das geschieht in Einzel-, Partner- oder Gruppenarbeit. Damit dies pädagogisch fundiert gelingt, findet man immer zwei Pädagogen in einer Lerngruppe vor: Eine Lehrkraft und eine pädagogische Fachkraft. Damit sie den Überblick haben, wo sich die einzelnen Schüler aufhalten, melden sich diese bei den Pädagogen ab und gehen an den von ihnen gewählten Ort. Hierfür gibt es Laufzettel, auf denen genau vermerkt ist, wohin sich die Schüler begeben.

Freiwilliges Quiz statt Klassenarbeiten

Die Kinder fragen ihr Wissen nicht in Klassenarbeiten ab, dafür bieten die Lehrkräfte ein freiwilliges Quiz nach den Themen an. „Die Kinder können so schauen, ob sie das Thema schon beherrschen oder es in der Freiarbeit noch vertiefen sollten“, zeigt die Schulleiterin auf.

Beim Lernen stehen den Schülern unterschiedliche Lernmaterialien zur Verfügung, wie beispielsweise das bekannte „Goldene Perlenmaterial“ oder Bruchtürme in der Mathematik oder Geografische Kommoden in Erdkunde. Bücher gibt es keine. „Es ist wichtig, dass die Schüler das Erlernte begreifen. Da steckt das Wort greifen drin“, stellt Annett klar. Und so finden sich in den Klassenräumen an den Wänden zahlreiche Regale mit Montessori-Materialien, die die Schüler jederzeit zum Lernen benutzen können. Um dies zu beherrschen und den Heranwachsenden damit schulische Inhalte zu vermitteln, haben alle Pädagogen der Montessori-Schule Mitwitz berufsbegleitend eine Zusatzausbildung in Form des Montessori-Diploms oder des Montessori-Zertifikates absolviert. Hier studieren sie zum einen die Grundlagen der Montessoripädagogik und lernen den Umgang und die Herangehensweise an die von Maria Montessori entwickelten grundlegenden Materialien.

„Wir fördern auch das lebenspraktische Arbeiten“. Praktika finden jedes Jahr ab der fünften Jahrgangsstufe statt. Die Montessori-Schule befürwortet eine offene und lebenspraktische Arbeitsweise. Wird eine Lektüre vorgestellt, erstellen die Schüler beispielsweise ein Buchcover dazu oder schreiben ein Kapitel neu.

Im Rahmen des Erdkinderplanes, welcher ein zentrales Element bei Montessori darstellt, renovieren einige Schüler der 7. und 8. Jahrgangsstufe ein Haus. „Die Schüler wurden in Gruppen eingeteilt. Einige sind für die Planung und Organisation zuständig, andere für die Sanierung oder die Verpflegung. Dieses lebenspraktische und selbstständige Arbeiten ist unser Alleinstellungsmerkmal“, betont Annett. Montessori erkannte bereits, dass in diesem Alter die Bedürfnisse und Interessen der Heranwachsenden in einem anderen Bereich eine Rolle spielen. Die Montessori-Schule Mitwitz geht gezielt darauf ein.

Waldorf-Pädagogik bedient Herz, Hand und Kopf

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Unterricht in der Waldorfschule. Foto: Sarah Stieranka

„Leben lernen statt auswendig lernen“ lautet der Slogan der Waldorf Schule in Mainleus im Landkreis Kulmbach. „Wir wollen eine gesunde Erziehung zum Menschen“, sagt Lehrerin Franziska Bartels. Und das gelingt, indem im Unterricht zu einem Drittel kognitive Fähigkeiten, einem Drittel handwerkliche Fähigkeiten und einem Drittel künstlerische Fähigkeiten gefördert werden. „Es geht nicht nur um einen gesunden Geist und Körper, die Seele ist entscheidend. Denn wie verinnerlichen wir Dinge? Indem wir Emotionen damit verbinden. Und alles was die Seele anspricht, ist auch emotional“, erklärt die 50-Jährige. Daher werden an der Waldorf-Schule nicht nur der Geist und der Körper genährt, sondern auch die Seele. Aber wie äußert sich das im Unterricht?

Die Schüler lernen lebensnah. Ab der ersten Klasse werden sie im Handwerk unterrichtet. Stricken, Häkeln, Nähen, Werken, Ackerbau und Gartenbau stehen beispielsweise im Laufe der Jahre auf dem Stundenplan. Auch ein Forstpraktikum, Landwirtschaftspraktikum und Handwerkspraktikum stehen auf dem Lehrplan. Seit 1919 gibt es die Waldorf-Pädagogik bereits. Schon immer stand das Interesse des Kindes im Vordergrund. „Es hieß immer: Was für Kinder braucht das Volk? Soldaten? Landwirte? Aber wir brauchen von allem bisschen und genauso vielfältig sollte geschult werden. Wir möchten keine Kinder für die Wirtschaft, sondern Kinder, die im Leben stehen“, argumentiert die Lehrerin.

Ruhepausen sind entscheidend

Neben dem ganzen Inhalt, den die Kinder in sich aufsaugen müssen, ist eine Ruhephase entscheidend, sagt Franziska. „Die Kinder sollen ein- und ausatmen.“Montessori & Waldorf: Pädagogik gegen den Strom Einatmen bedeutet eine konzentrierte Tätigkeit – das Tüfteln über einem Thema. Zwischendurch sollten die Kinder aber immer wieder ausatmen, also die Seele baumeln lassen. „Wir singen dann etwas zusammen oder sagen ein Gedicht auf.“ So auch in der Russischstunde. Denn neben Englisch ist Russisch ab der ersten Klasse die zweite Fremdsprache, die jeder lernen muss. Nachdem die Lehrerin ein Rollenspiel mit ihren Schülern beendet hat, setzt sie sich an das Klavier und singt mit ihnen ein Lied in der russischen Sprache. „Wir unterrichten russisch, weil es den Schülern die Welt nach Osten öffnet und außerdem ein Kontrast zum Englischen ist“, begründet die 50-Jährige. Während für Russisch und Englisch Vokabeln auswendig gelernt werden müssen, bedient die Eurythmie die Seele. „Namen tanzen ist nur ein Aspekt davon. Diese Bewegungen sind sozialbindend und lassen uns unsere innere Mitte finden“, erklärt die 50-Jährige. 

Bindung zum Lehrer im Fokus

Soziale Kontakte und vor allem die Bindung zum Lehrer ist in der Waldorf-Pädagogik wichtig. Daher begrüßt Franziska ihre Schüler morgens immer mit einem Handschlag und Augenkontakt an der Tür. Anders als in der Montessori-Schule, wo die Schüler im Sitzkreis auf einem Teppich lernen, wird in der Waldorf-Pädagogik noch der Frontalunterricht praktiziert. „Die Schüler sollen ins uns Vorbilder sehen“, erklärt Franziska. Aber nicht nur die Bindung zum Lehrer ist wichtig, sondern auch die zu den Mitschülern. Daher können die Kinder in Mainleus an der Waldorf-Schule ebenfalls nicht sitzenbleiben. „Ich habe Schüler mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen. Ich könnte sie niemals fair miteinander vergleichen, daher gibt es bei uns keine Noten.“ Auch auf Bücher wird in der Waldorf-Schule verzichtet. Stattdessen toben sich die Kinder künstlerisch aus und erschaffen ihre eigenen Bücher. Die Themen werden dann mit Texten, Bildern und Grafiken in einen Block gezeichnet. Dieser künstlerische Umgang nährt wiederrum die Seele und hilft den Schülern, den Stoff zu verinnerlichen – ganz ohne Auswendiglernen.

Sowohl die Waldorf- als auch die Montessori-Pädagogik setzen auf eine lebenspraktische Arbeit mit Kindern. Entscheidend bei einer solchen Erziehung ist, dass die Eltern mit den Lehrkräften an einem Strang ziehen. Übrigens: Beide Schulformen ermöglichen einen Übertritt an andere Schulen – auch das Abitur kann nach beiden Schulen gemacht werden.