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Viele Deutsche verdienen nachts ihren Lebensunterhalt. Sie sind hellwach und voll konzentriert, während ein Großteil der Bevölkerung friedlich schlummert. Was diese Menschen nachts so alles erleben, darüber hat LANDmadla mit einer Hebamme aus Würzburg und zwei Croupiers aus Bad Kissingen gesprochen. 

Nachts im Geburtshaus

Es ist wohl eines der aufregendsten Erlebnisse im Leben vieler Menschen – die Geburt des eigenen Kindes. Neun lange Monate fiebern die werdenden Eltern voller Vorfreude darauf hin. Ist es dann endlich soweit, sind die Strapazen und Schmerzen der Geburt schnell vergessen. Geschafft, müde aber überglücklich, wird das kleine Wesen liebkost und fasziniert von Kopf bis Fuß bewundert. Dabei kullert schon mal die eine oder andere Freudenträne – auch bei dem vermeintlich sonst so harten Geschlecht, verrät uns Jasmine Schubert aus Würzburg in Unterfranken. Die 27-Jährige hat schon einige Geburten hinter sich. Doch für die junge Hebamme, die bald selbst zum ersten Mal Mama wird, ist es immer wieder ein einzigartiger Augenblick. Trotz der teuren Haftpflichtversicherung, zu der Hebammen gesetzlich versichert sind, und den unregelmäßiger Arbeitszeiten, denn das Startsignal geben auch heutzutage noch immer die Kleinen, möchte Jasmine ihren Job um nichts auf der Welt eintauschen.

Fünf Jahre ist sie bereits als Hebamme im Einsatz, davon die letzten zwei Jahre im mainGeburtshaus in Würzburg. „Im Geburtshaus lernen wir die Frauen ganzheitlich kennen und betreuen sie bereits vor der Schwangerschaft intensiv“, erklärt sie den Unterschied zur Entbindungsstation im Krankenhaus. Häufig melden sich die Frauen schon in der achten Schwangerschaftswoche bei ihnen. Denn die Plätze sind begrenzt. „Wir arbeiten im Geburtshaus in zwei Teams aus jeweils vier Hebammen. Jedes Team betreut dabei eine bestimmte Zahl an werdenden Mamas“, erklärt Jasmine. Das habe den Vorteil, dass die Frau bei der Geburt auf jeden Fall eine Hebamme an ihrer Seite hat, die sie gut kennt. Gleichzeiten seien sie als Hebammen so flexibler. Doch planen lässt sich in dem Job trotzdem nur schwer. Zwar kann sich  Jasmine die Vor- und Nachsorgetermine so legen, wie es ihr am besten passt, dazwischen kommen kann aber immer etwas. Vor allem wenn sie 24 Stunden Rufbereitschaft hat. Das kommt zum Glück nicht ganz so häufig vor. „Wir teilen uns die Dienste untereinander auf, sodass jede Hebamme ungefähr acht 24-Stundendienste im Monat hat“, erklärt sie. Während dieser Zeit ist sie rund um die Uhr auf dem Handy für die Frauen kurz vor der Entbindung erreichbar. Geht es los, muss Jasmine sofort zur Stelle und hellwach sein. Nicht selten klingelt das Handy nachts. „Dass sich am Tag eine Frau bei mir meldet und sagt, sie habe Wehen oder ihren Blasensprung, ist tatsächlich eher unwahrscheinlich.“ Aber warum ist das so? Die Geburtsexpertin hat dafür eine einfache Erklärung: „Geburten beginnen häufig in der Nacht, wenn sich die Frauen in einem geschützten und ruhigem Umfeld befindeen und keine äußeren Einflüsse auf sie einwirken. So wird die Frau nicht gestört und kann sich entspannt auf die Geburt konzentrieren.“ Deshalb ist Jasmine vor allem nachts in Alarmstellung. Doch nicht immer tut sich was. Es gibt auch Nächte in denen alles ruhig bleibt und sie zu keiner Geburt gerufen wird. Klingelt das Handy, ist es manchmal auch nur Fehlalarm und es reicht, wenn Jasmine am Telefon Unterstützung leistet. „Gerade beim ersten Kind sind die Frauen immer etwas unsicherer und können nicht so gut einschätzen, wie weit die Geburt schon vorangeschritten ist“. Damit die Frau nicht unnötig ins Geburtshaus fährt, reichen häufig ein paar Fragen: Seit wann gehen die Wehen? Wie lange sind diese? Muss sie die Wehen schon veratmen? Sind es noch keine Geburtswehen, rät Jasmine erst mal zu einem Entspannungsbad. „Das lindert die Schmerzen und macht locker.“ Werden die Wehen allerdings trotz Schaumbad stärker, wird es ernst. Dann nichts wie ab ins Geburtshaus. Schaffen es die Frauen denn immer alle rechtzeitig? Meistens ja! Doch Ausnahmen bestätigen ja bekanntlich die Regel. „Wir hatten tatsächlich schon mal eine Geburt, bei der die Frau ihr Kind im Auto vor der Haustür zum Geburtshaus bekommen hat.“ Das lustige an der Geschichte: „Bis die Schwiegermutter eingetroffen war, um auf das ältere Geschwisterchen aufzupassen, war so viel Zeit vergangen, dass aus einer Geburt im Geburtshaus eine Autogeburt wurde.“

Ein anderes Mal kam Jasmine selbst zu spät. Damals war sie noch relativ frisch im Geburtshaus. Die Hebamme aus der Nacht, deren Dienst Jasmine um 9.00 Uhr übernehmen sollte, hatte sie um 7.00 Uhr angerufen und zu einer Hausgeburt in den Startlöchern geschickt. Laut Einschätzung ihrer Kollegin sollte es aber noch etwas dauern. Doch dann ging alles ganz zackig. Am Haus angekommen, fand Jasmine die Tür schon offen vor und die Frau hat ihr bereits aus dem Badezimmer entgegengerufen. „Ich hatte weder Zeit, eine zweite Hebamme zu rufen, noch die Herztöne des Kindes zu checken, sondern hielt nur noch meine Hände ans Köpfchen“, erzählt Jasmine. Innerhalb von drei Minuten war das Kind da. So schnell kann es gehen. „Der Ehemann der Frau hat total entspannt bei meiner Kollegin angerufen, sodass ein völlig falscher Eindruck entstand.“

In der Regel verteilen sich die Geburten im mainGeburtshaus ganz gut, sodass Jasmine und ihre Kolleginnen diese gut händeln können. Es gab aber auch schon mal eine Woche, in der es plötzlich alle Babys ganz eilig hatten und gleichzeitig kommen wollten. „Im Sommer vor drei Jahren gab es mal einen extrem krassen Blutmond“, erzählt sie. „Da sind tatsächlich innerhalb von zwei Tagen neun Babys im Geburtshaus zur Welt gekommen.“ Sie selbst habe zu dieser Zeit zwar noch nicht im mainGeburtshaus gearbeitet, weiß es aber vom Hören-Sagen. Eine Ausnahmesituation – in der die routinierten Hebammen besonders hellwach und konzentriert sein mussten.

Hellwach sind bei Geburten übrigens auch immer die Väter, verrät uns Jasmine. „Witzig ist, wenn die Papas total euphorisch ihre Frauen anfeuern und ‚Ich seh schon das Köpfchen‘ schreien“, lacht Jasmine. Viele seien auch überaus fasziniert, wie stimmgewaltig die eigene Frau werden kann. „Ich wusste gar nicht, dass Frauen so laut schreien können“ – diesen Satz hat Jasmine erst kürzlich wieder zu hören bekommen.

Hellwach im Millionengeschäft

Fingerfertigkeit, ein gutes Zahlengedächtnis und einen hellwachen Geist – wer das nicht hat, für den heißt es als Croupier schon recht bald „rien ne va plus“. Die beiden Unterfranken Tamara Schumm und Christian Back haben alles drei. Und das brauchen sie bei ihrer Arbeit in der Spielbank auch. „Am Roulette-Tisch muss man sofort hellwach und zu 100 Prozent da sein“, das wissen Tamara und Christian besser wie kein anderer. 18 Jahre – so lange lassen sie in der Spielbank Bad Kissingen schon Jetons und Spielkarten über die grünen Tische flitzen. Nervös sind sie dabei schon lange nicht mehr. Doch vor einigen Jahren, als Croupier in der Ausbildung, die insgesamt zwei Jahre ging, war das noch ganz anders. Was so kinderleicht ausschaut, sei am Anfang ziemlich schwierig gewesen, verrät uns Christian. Ein bisschen Kugel und Jetons werfen, kann doch jeder? Von wegen! Die Aufgaben eines Croupiers umfassen weitaus mehr –  und selbst den Kessel zu drehen, sodass er eine gewisse Geschwindigkeit hat, und der Kugel den richtigen Schwung zu geben, erfordert einiges an Übung.

Als Croupier sind Tamara und Christian dafür verantwortlich, dass der Spielbetrieb ordentlich abläuft. „Wir nehmen die Annoncen der Gäste auf und stellen sicher, dass alle Einsätze richtig getätigt sind und klar ist, welche Gewinnchancen gespielt werden,“ erklärt Christian. Dabei gibt es weit über 100 Kombinationsmöglichkeiten, die Tamara und Christian im Schlaf aufsagen können. Möchte ein Gast beispielsweise die „7,2,2“ spielen, dann wissen sie sofort, wo sie die Jetons auf dem Spielfeld platzieren müssen. Nämlich auf der sieben und den beiden Zahlen links und rechts von dieser. „Der 12, 18, 28 und 29“, schießt es aus Tamara heraus. „Wir kennen den Kessel und die Zahlenabfolge darin komplett auswendig.“ Das muss man auch. Denn steht man erst mal  am Tisch, hat man nicht lange Zeit zu überlegen. Am Roulette-Tisch muss man hellwach sein, höchste Konzentration ist gefragt – und das bis nachts um drei Uhr, denn so lange geht die Spätschicht. Bei der Frühschicht, die um 13.40 Uhr startet, haben die beiden etwas früher Feierabend: mit viel Glück um 18.30 Uhr, mit viel Pech aber auch erst um 0.30 Uhr. „Das Ende ist bei der Frühschicht meistens variabel, je nachdem wie viel los ist“, erklärt Tamara.

Die späten Arbeitszeiten seien aber kein Problem für die beiden. Nicht immer ganz so einfach sei dahingegen, den Überblick über alle gespielten Zahlen zu behalten und die Gewinne richtig zuzuteilen. „Vor allem wenn Hochbetrieb herrscht und sich die Gäste im Eifer des Gefechts über den Tisch beugen, um ihre Einsätze zu setzen“, erklärt Tamara. Zur Absicherung und auch um Diskussionen mit enttäuschten Verlierern zu vermeiden, überwachen deshalb zusätzlich zu den aufmerksamen Augen der Croupiers – jeweils zwei pro Tisch – noch Kameras das Spielgeschehen. Dass es schon mal hitzig zugehen kann, ist dabei nichts Ungewöhnliches. „Will ein Gast partout nicht einsehen, dass er verloren hat, verständigt der Tischchef, sprich der Croupier auf dem Stuhl am Kopf des Tisches, den Saalchef. Dieser geht dann mit dem Aufsichtsbeamten in den Videoüberwachungsraum und schaut nach, wer was gesetzt hat“, erklärt Tamara. Irrtümer also ausgeschlossen.

Dass Glückspiel auch zum Problem werden kann, dem sind sich Tamara und Christian genau bewusst. In Schulungen werden sie regelmäßig über das Thema „Spielsucht“ aufgeklärt. Um zu verhindern, dass jemand Haus und Hof verzockt und wirklich alles verliert, habe die Spielbank Bad Kissingen deshalb ein spezielles Sozialkonzept. „Wenn wir feststellen, dass ein Gast ein problematisches Spielverhalten hat, dann melden wir das dem Sozialkonzeptbeauftragen. Dieser geht dann diskret auf den Gast zu, spricht ihn auf sein Problem an und bietet ihm Hilfe an“, erklärt Tamara.  Als langjährige Croupiers haben sie und Christian mittlerweile ein Auge dafür, wer nur zum Vergnügen in die Spielbank kommt und wer vielleicht schon nicht mehr anders kann und vor sich selbst geschützt werden muss.

Trotz dieser Schattenseite lieben Tamara und Christian ihren Beruf. „Schauen Sie sich doch um, wir haben einen wunderschönen Arbeitsplatz,“ sagt Christian und lässt den Blick durch den Spielsaal schweifen. Kristallene Kronleuchter hängen von der Decke und hüllen den Raum in warmes Licht, rote Samtvorhänge umspielen die raumhohen Fenster und geben freien Blick auf den angrenzenden Kurgarten. Neben diesem glamourösen Ambiente machen auch die vielen verschiedenen Gäste ihre Arbeit so spannend. Ein weiterer Pluspunkt: „Wenn der Kessel steht, ist der Tag vorbei. Ich ziehe den Smoking aus, mache meinen Spint zu und bin fertig. Ich nehme nichts mehr im Kopf mit nach Hause“, erklärt Christian.