Hand aufs Herz: Wie zufrieden bist du mit deinem Sexualleben? Ein Thema über das man irgendwie nicht gerne redet – auch nicht mit dem Partner. Doch dabei ist das so wichtig, meint Sozialpädagogin Oda Pranz. Sie arbeitet bei der Sexual- und Paarberatung von „pro familia“, der deutschen Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung in Nürnberg. Worauf Paare noch achten sollten, verrät sie uns im Interview.

Wie wichtig ist Sex für eine funktionierende Beziehung?

Ohne Sex läuft nichts, oder?

Sozialpädagogin Oda Pranz. Foto: privat

Oda Pranz: Körperliche Zuwendung und Sexualität sind essenziell für Partnerschaften! Ein Sich-Geliebt- und Begehrt-Fühlen fördert auch die seelische und körperliche Gesundheit. In unseren Zeiten sind die Erwartungen an eine gleichbleibend hohe sexuelle Leidenschaft in Partnerschaften relativ groß. Konstant erfüllender Sex wird als ein zentrales Kriterium für eine gute Beziehung, als „Norm“ angesehen. Das verunsichert viele, denn die Realität ist anders. Es ist völlig normal, dass nach der aufregenden Verliebtheitsphase mit der Dauer einer Beziehung auch die Frequenz der intimen Kontakte abnimmt. Da hilft auch kein Arsenal an Dessous und Erotik-Spielzeug. Wie oft man miteinander schläft, hat aber erstmal nichts mit der grundsätzlichen sexuellen Zufriedenheit eines Paares zu tun.

Welche Rolle spielt Offenheit für ein intaktes Sexualleben?

Die Voraussetzung für Offenheit in Beziehungen ist Vertrauen und gegenseitige Wertschätzung. Das betrifft natürlich auch die Sexualität. Das Sprechen über Gefühle, Wünsche, Sehnsüchte und Ängste ist uns oft nicht so geläufig. Aus der „Deckung“ zu kommen braucht immer ein bisschen Mut. Für ein gutes sexuelles Erleben in der Partnerschaft ist Offenheit jedoch notwendig. Voraussetzung ist, die eigenen Wahrnehmungen, Wünsche und auch Grenzen zu spüren und zu kennen. Es ist hilfreich, miteinander über die eigenen sexuellen Bedürfnisse und Lustempfindungen zu sprechen, zu zeigen, was sich gut anfühlt und was erregend ist.

Wird in Beziehungen noch immer zu selten über sexuelle Vorlieben geredet?

Über Medien und Internet ist Sexualität heute in all ihren Facetten öffentlich zugänglich. Im Vergleich zu früheren Generationen ist auch das Sprechen über Sex sicherlich viel selbstverständlicher geworden. Trotzdem markiert ein deutliches Schamgefühl unsere persönliche Grenze. Diese sollte man ernst nehmen und selbst bestimmen, wann, wie weit und mit wem man sie überschreitet. Um schönen Sex zu haben, muss man lernen wahrzunehmen, was man braucht und dies mitteilen. Dazu gehören auch Vorlieben genauso wie Abneigungen. Und häufig dürften es weniger die wildesten Sexpraktiken sein, als vielleicht eine besondere Art der Liebkosung, eine bestimmte Stellung oder ein Rhythmus. Wer sich nicht ausreichend mitteilt, läuft Gefahr, dass Sex immer weniger befriedigend erlebt und letztlich zur Pflichtaufgabe wird. Ein Beispiel: Für zwei Drittel aller Frauen ist ein Orgasmus allein durch Geschlechtsverkehr ohne zusätzliche Stimulation der Klitoris nicht möglich. Fatal, wenn darüber nicht gesprochen wird!

Am Anfang ist immer alles aufregend, doch dann kehrt der Alltag ein. Was können Paare dagegen tun?

Wenn aus Verliebtheit Liebe wird, verändert sich auch die Art der Sexualität. Es geht weniger um Sehnsucht, Erotik und Verschmelzung als um Geborgenheit, Vertrautheit und Zuneigung. In längeren Beziehungen entsteht eine Art sexuelle Routine, bei welcher beide sich – im günstigen Fall – wohlfühlen und die Befriedigungswahrscheinlichkeit hoch ist. Dies kann auf die Dauer vorhersagbar und möglicherweise auch „langweilig“ werden. Ganz wichtig ist für alle Paare – neben Beruf, Alltag und Kindererziehung  –  regelmäßig Zeiten zu zweit zu haben: Für Gespräche, gemeinsame Aktivitäten, Genuss. Lange Beziehungen brauchen auch Ausnahmesituationen, wie beispielsweise ein besonderes Wochenende zu zweit oder ein von beiden gestalteter romantischer Abend.

Wie äußert sich Stress im Sexualleben? Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen?

Stress im Sinne von starken Alltagsbelastungen, Prüfungen, beruflichen Anforderungen wirkt sich auf die Zweisamkeit aus. In solchen Phasen kann die Lust sehr eingeschränkt sein, zumal nur geringe Zeitfenster bestehen. Manche Menschen – häufiger Männer – nutzen Sex eher zur Entspannung und Beruhigung. Andere – häufiger Frauen – benötigen für sexuelle Aktivitäten Zeit, Entspannung und eine positive Stimmung.

Wie verändert die Geburt eines Kindes das Sexualleben? Was sollten junge Eltern beachten, damit das nicht auf der Strecke bleibt?

Eine Veränderung der Sexualität nach der Geburt ist naturgegeben. Die erste Zeit mit Baby ist für die Eltern eine Zeit der Umstellung, die sehr anstrengend sein kann, insbesondere für die stillende Mutter. Ein veränderter Hormonspiegel, die größere Müdigkeit und Überlastungsgefühle wirken sich auch sexuell dämpfend aus. Sexuelle Probleme der Frau, wie zum Beispiel Lustlosigkeit oder Schmerzen beim Verkehr, können zusätzlichen Stress bedeuten, falls der Partner Druck ausübt und kein Verständnis zeigt. Umgekehrt können sich junge Väter zurückgewiesen und „außen vor“ fühlen. Miteinander sprechen hilft! Und das Wissen, dass die Sexualität vorübergehend für die Frau in den Hintergrund tritt. Darüber hinaus ist ein unterstützendes Umfeld sehr wichtig!  Grundsätzlich sollten Eltern dann zunehmend darauf achten, dass sie auch wieder Zeitfenster für die Paarbeziehung, für Intimität schaffen können, selbst wenn dies zunächst nur auf Sparflamme klappt.