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Wenn Ruta Nürnberger erzählt, wo sie arbeitet, bekommt sie oft zu hören „Bei den Verrückten!“ Die junge Ärztin, die kurz vor Ende ihrer Facharztausbildung zum Neurologen und Psychiater steht, arbeitet in einem psychiatrischen Krankenhaus im Raum Unterfranken. An der beschriebenen Reaktion wird eins deutlich: Das fehlerhafte Bild von psychisch kranken Menschen hält sich hartnäckig in unserer Gesellschaft. Aber warum? LANDmadla hat mit der jungen Ärztin gesprochen und dabei Einblicke in ihre Arbeit in der Psychiatrie bekommen. Warum psychisch kranke Menschen nicht verrückt sind – ein Aufklärungsversuch.

Psychisch Kranke werden zu Unrecht häufig als verrückt abgestempelt – noch heute. Wie erlebst du das?

Das Wort „verrückt“ ist in diesem Zusammenhang leider tatsächlich noch sehr in unserem Sprachgebrauch verankert. Ich selbst bekomme häufig zu hören, dass ich „bei den Verrückten“ arbeite. Interessant ist aber auch, dass sich die Patienten untereinander teilweise als verrückt bezeichnen. Vor allem die Patienten auf der beschützend geführten Station, Menschen mit Schizophrenien oder schizzoaffektiven Störungen,  werden von anderen Psychiatrie-Patienten als verrückt betrachtet. Häufig sagen auch Menschen, die wegen Depressionen zu mir kommen, von sich selbst: „Ich bin doch nicht verrückt!“.

Woran liegt das deiner Meinung?

Vieles hat damit zu tun, dass wir Menschen tiefe Glaubenssätze haben. Dadurch sind wir nicht so offen und flexibel in unserem Denken. Auch die Angst vor dem Fremden, dem Nicht-Normalen spielt eine Rolle. Psychische Krankheiten sind für viele eine Black-Box, zu abstrakt und nicht greifbar. Es fehlt an Wissen. Mit einem Herzinfarkt oder Schlaganfall kann dahingegen jeder etwas anfangen. Das liegt unter anderem an der fehlenden Aufklärung – auch in den Medien. Es wird heutzutage viel geschrieben über Themen wie Darmprobleme, Gewicht oder Herzinfarkt, aber psychische Krankheiten werden seltener thematisiert. Entscheidend ist meiner Meinung nach aber auch, wie man in der Vergangenheit mit psychisch kranken Menschen umgegangen ist: Die „Verrückten“ sind früher abgestempelt und in den Keller gesperrt worden. Sie wurden aus unserer Gesellschaft entfernt. Dadurch fehlt es an Erfahrung im Umgang mit psychisch kranken Menschen. Bis psychische Krankheiten als offizielle Erkrankung anerkannt und Medikamente entwickelt wurden, hat es lange gedauert. Das erste Medikament gegen Schizophrenie kam beispielsweise erst in der 1950er Jahren auf den Markt. Natürlich gab es davor schon Behandlungsmethoden, einige davon sind aus heutiger Sicht allerdings sehr abenteuerlich.

Wie zum Beispiel?

Bei der Lobotomie beispielsweise wurden während einer neurochirurgischen Operation die Nervenverbindungen zwischen Thalamus und Frontallappen sowie Teile der grauen Substanz durchtrennt.  Die abstruse Idee dahinter war, dass sich dadurch etwas im Gehirn bei psychisch kranken Menschen auflöst. Der gewünschte Erfolg blieb meist allerdings aus. Aus heutiger Sicht ist die Lobotomie sehr umstritten und wird in Deutschland auch nicht mehr praktiziert.

Wie werden psychisch kranke Menschen heute behandelt?

In der Regel dauert eine stationäre psychiatrische Behandlung zwischen drei und acht Wochen, manchmal auch länger. Der Patient führt in dieser Zeit sehr viele Gespräche, Stabilisierungs- oder therapeutische Gespräche. Außerdem nimmt er an verschiedenen Therapien teil, wie zum Beispiel Ergotherapien, Gruppentherapien sowie Mal- und Sporttherapien. Meine Arbeit als Psychiaterin besteht zunächst darin, in Gesprächen und über Beobachtung herauszufinden, an welcher psychischen Krankheit der Patient leidet. Sobald die eindeutige Diagnose feststeht, erstelle ich einen Behandlungs- und Medikamentenplan. Außerdem ist es sehr wichtig, den Patienten umfassend über seine Krankheit und die Medikamente, die für die Behandlung notwendig sind, aufzuklären. Gerade was Psychopharmaka angeht, kursieren noch viele Hirngespinste. Bis der Patient medikamentös richtig eingestellt ist und sich die gewünschte Wirkung zeigt, ist außerdem eine intensive Patientenbeobachtung notwendig.

Mit welchen psychischen Krankheiten hast du täglich zu tun?

Das kommt darauf an, in welcher Abteilung ich gerade Dienst habe. Auf der Suchtstation geht es hauptsächlich um Drogen-, Medikamenten- und Alkoholprobleme. Auf der geschlossenen beziehungsweise beschützend geführten Station leiden die Patienten zum Beispiel an schweren Depressionen mit Suizidgefahr, Manien oder akuten Schizophrenien.

Schizophrenie bedeutet, dass die Patienten zwei Persönlichkeiten haben, oder?

Das kann man so nicht sagen. Die Patienten haben schwere Identitäts- und Wahrnehmungs-störungen. Sie haben viele Verfolgungsideen und leiden unter starken Halluzinationen. Zum einen hören sie Stimmen. Diese haben für sie häufig einen bedrohlichen, gefährlichen und kommentierenden Charakter. Zum anderen sehen sie Personen, die wir als Außenstehende nicht sehen können. Das wird dadurch ersichtlich, dass der Patient zum Beispiel in einem leeren Raum sitzt und sich mit einer anderen, für uns unsichtbaren Person, unterhält oder streitet.

Und wie äußert sich eine Manie?

Patienten mit einer akuten Manie sind auf der einen Seite sehr aktiv, euphorisch, distanzlos und lustig. Ihr Urteilsvermögen ist deutlich gemindert. Dies äußert sich zum Beispiel in endlosem Einkaufen. Maniker gehen in die Geschäfte und geben wahllos unheimlich viel Geld aus. Ein Patient hat zum Jahreswechsel zum Beispiel mal 100 Kilo Nudeln eingekauft. Andere nehmen Kredite auf und kaufen Häuser oder mehrere Autos. Auf der anderen Seite können Maniker aber auch sehr aggressiv, angespannt und gereizt sein. Viele leiden außerdem unter einer sogenannten Hypersexualität. Wenn man sie ließe, würden sie wahllos mit jedem schlafen.

Gibt es eine psychische Krankheit, die in den letzten Jahren besonders häufig aufritt?

Aus meiner Sicht haben sich die Depressionen vermehrt. Nach neueren Studien liegt das Risiko an einer Depression zu erkranken für Frauen bei 21 bis 23 Prozent, für Männer bei 11 bis 13 Prozent. Das heißt, etwa jede vierte Frau und jeder achte Mann ist im Laufe seines Lebens von einer Depression betroffen.

Woran liegt das?

Depressionen sind weniger ein Tabuthema als früher. Das hat zur Folge, dass sich mehr Menschen, die früher ihre Krankheit eher verschwiegen hätten, heute helfen lassen. Außerdem stehen die Menschen immer mehr unter Druck. Egal in welchem Beruf – Arzt, Politiker, Bäcker oder Putzfrau – der Druck steigt. Hinzu kommt das Bedürfnis, immer erreichbar und für alle da sein zu müssen. Viele nehmen sich außerdem zu wenig oder gar keine Zeit, Stress zu lösen oder abzubauen. Allerdings, das muss man dazusagen, sind die meisten psychischen Erkrankungen nicht nur stressbedingt.

Was ist noch verantwortlich?

Es gibt verschiedene Theorien. Generell besteht aber noch viel Forschungsbedarf. Rein organisch betrachtet, ist eine psychische Erkrankung eine Erkrankung des Stoffwechsels im Gehirn, bei der es zu einem Ungleichgewicht der Botenstoffe kommt. Darüber hinaus spielt die eigene Resilienz bzw. psychische Widerstandsfähigkeit eine wichtige Rolle. Darunter versteht man die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen. Wie widerstandsfähig eine Person ist, hängt dabei von verschiedenen Faktoren ab: den eigenen Erfahrungen, die ein Mensch im Laufe seines Lebens schon gemacht hat, und genetischen Faktoren. Aber auch unser Denken beeinflusst stark, wie wir uns fühlen, verhalten und körperlich reagieren. Bewerten wir Situationen beispielsweise als schlimm, gefährlich, furchtbar oder unerträglich, empfinden wir Angst, Wut, Enttäuschung, Unruhe und Anspannung. Wer dauerhaft negativ denkt, gerät so irgendwann in eine Abwärtsspirale, die einen nach unten zieht.