Sie ist Deutschlands beliebtestes Verhütungsmittel: die Antibabypille. Seit einiger Zeit steht sie jedoch in der Kritik. Studien zufolge soll das Verhütungsmittel Thrombosen und Embolien fördern. LANDmadla hat eine junge Frau aus dem Raum Bad Kissingen getroffen, bei der die Einnahme der Pille verheerende Folgen hatte. Mit ihrer Geschichte möchte sie vor allem eins: Bewusstsein schaffen und zu einem kritischeren Umgang mit der Pille anregen.

 

Sie kann sich noch genau erinnern: Es war an einem Samstag im Dezember 2008. Den ganzen Tag über plagten sie schon heftige Kopfschmerzen, was völlig untypisch für die damals 20-Jährige war. Kopfschmerzen und sie – das passte eigentlich nicht zusammen. Doch hat sie sich dabei erst mal nicht viel gedacht. Am Abend war sie dann noch auf einer Weihnachtsfeier. Einen Tag später war der dumpfe Schmerz in ihrem Kopf immer noch da. Es war Sonntagmorgen. Sie saß gerade in ihrem Bett. Und plötzlich: Explosionsartig, von einer Sekunde auf die andere, schoss ihr ein stechender Schmerz in den Kopf, sodass sie sich sofort übergeben musste. „In diesem Moment dachte ich, ich sterbe“, erinnert sich die 29-jährige Isabell Müller aus Burkardroth bei Bad Kissingen in Unterfranken heute. Glücklicherweise lag das Telefon genau neben ihrem Bett, sodass sie ihre Eltern um Hilfe rufen konnte. Diese haben sofort den diensthabenden Hausarzt verständigt. Dessen Diagnose: Eine starke Grippe, gegen die er ihr eine Spritze gab. Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch niemand, was für eine Zeitbombe im Kopf der damals 20-Jährigen tickte. „Wenn sie jetzt älter wäre, müsste man genauer nachforschen. Aber bei so einem jungen Mädchen ist das nichts Schlimmes“, hat der diensthabende Hausarzt noch zu ihrem Vater gesagt. Am Montag ging Isabell dann zu ihrem eigentlichen Hausarzt, der die Diagnose des anderen Arztes bestätigte und ihr noch mal eine Spritze gab. Bis Donnerstag vegetierte Isabell daraufhin mit anhaltenden Kopfschmerzen zuhause vor sich hin. Gedanken, dass sie etwas Ernstes haben könnte, machte sie sich nicht. Schließlich hatte man ihr ja bescheinigt, dass sie eine Grippe hatte. Aber die Kopfschmerzen hielten an. Irgendwann kamen dann Sehstörungen hinzu. Also schickte sie ihr Hausarzt zum Augenarzt. Diese Überweisung rettete ihr aus heutiger Sicht wahrscheinlich das Leben. Die Augenärztin leuchtete ihr einmal in die Augen. „Sie muss sofort in die Uniklinik nach Würzburg“, gab sie Isabell und ihrer Mutter eindrücklich zu verstehen. Mit Verdacht auf Gehirntumor – wie man Isabell aber erst im Nachhinein erzählte – wurde sie in die Uniklinik in Würzburg eingeliefert. Dort checkten sie die Ärzte von oben bis unten durch: MRT, Rückenmarktpunktion und dann wieder MRT. Nach einem Tag stand die Diagnose fest: Sinusvenenthrombose. Bei dieser Thromboseform sammeln sich ein oder mehrere Blutgerinnsel in den großen Sammelvenen des Gehirns und verschließen diese. Die Ärzte handelten sofort und legten die 20-Jährige auf die Intensivstation. Über einen Tropf gaben sie ihr Heparin, ein Blutverdünnungsmittel, um die Thrombose aufzulösen. Denn wird eine Sinusvenenthrombose nicht rechtzeitig erkannt und behandelt, kann sie zum Schlaganfall und zum Tod führen.

Isabell hatte Glück. Bis die tickende Zeitbombe in ihrem Kopf jedoch vollständig entschärft war, vergingen Wochen beziehungsweise Monate. „Ich war insgesamt drei Wochen in Würzburg im Krankenhaus. Während dieser Zeit und auch danach hatte ich noch lange Kopfschmerzen. Mal ging es mir besser, mal wieder schlechter. Das war ein auf und ab“, erzählt sie. Um wieder voll leistungsfähig zu werden, folgten weitere vier Wochen Reha und zwei Wochen Wiedereingliederung in die Arbeit. Außerdem musste sie weiterhin Blutverdünner nehmen, einmal die Woche zur Blutabnahme zum Hausarzt und alle vier Wochen in die Uniklinik nach Würzburg zu Untersuchungen. Dann nach sechs Monaten beim finalen Kontroll-MRT endlich die erlösende Nachricht: Die Sinusvenenthrombose hatte sich vollständig aufgelöst. „Wäre das Ergebnis anders gewesen, hätte ich mein Leben lang Blutverdünner nehmen müssen“, sagt Isabell.

Dass die Pille für die Sinusvenenthrombose verantwortlich war, darin ist sich Isabell sicher. „Ich war zu dem Zeitpunkt gerade mal 20 Jahre, nicht stark übergewichtig, kein Alkoholiker oder Raucher und Tabletten habe ich auch keine genommen“, fasst sie zusammen. Also definitiv keine Risikopatientin. Die Ärzte teilen ihre Meinung. Im Arztbericht haben sie die Pille als einen „möglichen thrombogenen Risikofaktor“ auch klar benannt.

Die Pille als Verhütungsmittel kommt für Isabell seitdem nicht mehr infrage. Damit stellte sich ihr allerdings eine andere: Was gibt es für Alternativen? Die Antwort erwies sich als schwierig, lässt man Kondome mal außer Acht. Da sie noch so jung war und damals auch noch keine Kinder hatte, fiel die Spirale als Verhütungsmethode erst mal weg. Zumindest hatte sie den Eindruck, dass ihre Frauenärztin ihr diese damals nicht unbedingt einsetzen wollte. Stattdessen riet ihr die Ärztin zu Verhütungszäpfchen. „Diese sollte ich eine halbe Stunde vor dem Geschlechtsverkehr in die Scheide einführen“, erzählt sie. Umständlich und vielleicht auch nicht immer realisierbar? Erschwerend kam noch hinzu, dass die Zäpfchen als alleinige Verhütungsmethode nicht sehr sicher waren, sodass Isabell zusätzlich immer ein Kondom benutzen sollte. Und auch da gab es noch einen Haken. Denn besagte Zäpfchen gingen wiederum nur in Kombination mit ganz speziellen Kondomen. Verglichen mit der Pille war diese Verhütungsmethode damit also weitaus umständlicher. „Trotzdem sollte man genau abwägen, ob man die Pille nehmen möchte, und auch mal andere Methoden in Betracht ziehen und sich über diese informieren“, sagt die 29-Jährige, die mittlerweile eine Spirale hat und sich vorerst keine Gedanken mehr über das Thema Verhütung machen muss.

Wie dieses Ereignis ihr Leben verändert hat? „Ich denke definitiv mehr darüber nach, was ich einnehme – gerade was Medikamente betrifft“, sagt Isabell. „Außerdem ist mir erst heute so richtig bewusst, wie viel Glück ich damals hatte.“