Wenn Hellwach-Sein zum Dauerzustand wird – Wie belastend das sein kann, weiß Simone Hartwig aus Eisfeld im fränkisch geprägten Süden von Thüringen. Die 49-Jährige leidet seit 30 Jahren unter Schlafstörungen. Eine Horrorvorstellung!

Sie hat es mit Schlaftabletten versucht, mit verschiedenen Antidepressiva, mit Yoga, Autogenem Training, Entspannungsmusik, Schlafentzug,  Psychotherapie – sie verbrachte sogar einige Wochen in einer psychosomatischen Klinik. Alles umsonst. Ihr Ziel hat Simone Hartwig dennoch nicht erreicht: endlich wieder tief und fest schlafen. Wie es sich anfühlt, morgens fit und ausgeschlafen aus dem Bett zu steigen, daran kann sich die 49-Jährige schon gar nicht mehr erinnern. 30 Jahre – so lange leidet sie schon unter massiven Schlafstörungen.

Angefangen hat alles ganz schleichend. „Als ich mit 20 meine erste Tochter bekam, war an nachts Durchschlafen erst mal nicht mehr zu denken“, erzählt Simone. Es folgte mit 27 Jahren ihre zweite Tochter. Ihr Sohn kam zwei Jahre später zur Welt. Mit 29 Jahren hatte Simone schon viele durchwachte Nächte hinter sich. Doch hat sie sich dabei erst mal nicht viel gedacht und ihre Schlafprobleme auf den Stress geschoben: „Das war einfach eine stressige Zeit. Drei kleine Kinder, Vollzeit berufstätig und parallel dazu noch der Hausbau.“ Ihr heutiger Ex-Mann und sie waren damals fast jeden Tag bis 22, 23 Uhr auf der Baustelle. In diesem Alltagsstress sind ihre Schlafprobleme untergangen. Die junge Mutter hat sie erst mal ignoriert und als gegeben hingenommen. Ein Fehler? Im Nachhinein lässt sich immer viel spekulieren. Fakt ist: Ihre Schlafstörungen ist sie nicht mehr losgeworden.

„Es gibt Nächte in denen schlafe ich gar nicht“, erklärt sie. In ganz schlimmen Phasen hat sie so schon bis zu drei Nächte hintereinander hellwach im Bett gelegen. Eine Horrorvorstellung! Das Paradoxe: Obwohl sie todmüde ist, kommt der Schlaf nicht. Sie schläft einfach nicht ein. „Ich sage immer, in meinem Kopf ist der Schalter kaputt. Der lässt sich einfach nicht mehr von ‚On‘ auf ‚Off‘ knipsen.“ Zum Verzweifeln! Doch zum Glück ist es nicht immer ganz so schlimm. In „guten“ Nächten bekommt Simone wenigstens zwei oder drei Stunden Schlaf. Für Außenstehende nicht viel. Doch für Simone ist das mittlerweile Luxus – auch wenn sie die zwei oder drei Stunden nie am Stück schläft, sondern vielleicht mal 10, 20 oder 30 Minuten. Dann wacht sie wieder auf. „Manchmal schaue ich voller Hoffnung auf die Uhr, stelle dann aber jedes Mal ernüchternd fest, dass wieder nur ein paar Minuten vergangen sind.“ Außerdem leidet Simone noch unter dem sogenannten Pavor Nocturnus, auch als Nachtangst oder Nachtschreck bekannt. Dabei handelt es sich um eine ganz besondere Form der Schlafstörung, bei der die Betroffenen meistens schreiend aus dem Schlaf aufschrecken. Warum das manchmal so ist? Dahinter sei selbst ihr Psychotherapeut, zu dem sie regelmäßig geht, noch nicht gekommen. Und auch alles andere, was sie schon ausprobiert hat, hat nicht geholfen.

Simone hat eine Odyssee durch Arztpraxen hinter sich. Ganz am Anfang war sie bei ihrer Hausärztin, die ihr Schlaftabletten aufschrieb. Diese hat sie – aus Angst abhängig zu werden – aber nicht lange genommen. Ihre Einstellung zu den Müdemachern hat sich bis heute nicht geändert: „Ich nehme ab und zu mal eine Tablette, wenn es wirklich gar nicht mehr geht, aber generell nicht.“ Es folgte ein Besuch im Schlaflabor. Dort stellte man schließlich fest, dass Simone unter dem sogenannten Restless-Legs-Syndrom – kurz RLS – leidet, was sich durch kribbelige und zappelige Beine sowie innere Unruhe bemerkbar macht. Nachts und am Abend, wenn der Körper ruht, sind die Symptome besonders schlimm. Des Pudels Kern schien gefunden. Doch die verschriebenen Medikamente brachten zwar ihre Beine zum Entspannen, der Schalter in ihrem Kopf legte sich aber trotzdem nicht auf ‚off‘. Also versuchte sie ihr Glück bei unterschiedlichen Psychiatern. Am Ende geriet sie in einen Teufelskreis aus Psychopharmaka: abends ein Antidepressivum zum Einschlafen, morgens ein Antidepressivum zum Muntermachen. „Mein Körper geriet total durcheinander. Die Tabletten am Abend machten mich total antriebslos und depressiv, obwohl ich eigentlich ein sehr aktiver Mensch bin.“ Fast zwei Jahre nahm Simone diesen Medikamentencocktail. Dann zog sie die Notbremse. Heute hat sie ihren eigenen Weg gefunden, mit den Schlafstörungen umzugehen: „Für mich ist es wichtig, zu ruhen. Wenn ich in meinem Bett liege, es absolut dunkel ist und ich ruhe, ist das für mich eine Art Schlafen, auch wenn der richtige Schlaf nicht kommt“, erklärt sie. Um zu Entspannen und zur Ruhe zu kommen, macht sie Atemübungen. Das funktioniert in der Regel ganz gut. An manchen Tagen ist aber auch ihr Perfektionismus und übertriebenes Pflichtbewusstsein im Weg. An beidem arbeitet sie mit ihrem Psychotherapeuten. „Ich will es jedem recht machen und setzte mich dabei immer selber unter Druck“, weiß Simone.

Trotz wenig Schlaf wirkt die Frau mit den lila Haaren in unserem Gespräch hellwach. „Ich bekomme zum Glück keine dunklen Augenringe“, scherzt sie. Von Müdigkeit keine Spur? Das täuscht. Tatsächlich steht die gelernte Zahnarzthelferin häufig in der Praxis und kann sich kaum auf den Beinen halten.  Mittags und nachmittags übermannen sie häufig richtige Müdigkeitslöcher. Und auch sonst hinterlässt der Schlafentzug seine Spuren. Multitasking – was früher gut ging, geht heute nicht mehr. Die 49-Jährige hat auch mal gerne gebastelt. Dafür hat sie heute keine Geduld mehr. Darüber hinaus hat sie seit Jahren zu hohen Bluthochdruck und hat immer wieder depressive Phasen. Auch sich zu konzentrieren, fällt ihr schwer – vor allem beim Autofahren. „Es gibt einen Blitzer an einer Stelle in Suhl, der mich regelmäßig erwischt, weil ich in Gedanken abschweife.“ Viele Außenstehende können ihre Schlafstörungen meistens schwer nachvollziehen. „Das geht doch gar nicht. Irgendwann holt sich der Körper doch den Schlaf“ – Sprüche, die sie schon öfters zu hören bekommen hat.

Simone lässt sich aber nicht unterkriegen. Sie macht weiter – auch Familie und Freunden zuliebe. „Ich habe gelernt damit zu leben“, sagt sie. Und auch wenn es sie jedes Mal Überwindung kostet, wegzugehen, sich mit Freunden zu treffen, zwingt sie sich immer wieder dazu. „Es tut gut rauszukommen und mal abzuschalten“, weiß sie.