„Was ist Wahrheit?“ Diese fast schon philosophische Frage stellte schon Pontius Pilatus nachdem er Jesus verhört hatte, jedenfalls ist es im Johannes-Evangelium (Kapitel 18, Vers 38) so überliefert. Die Wahrheit ist ein hohes Gut. In der Bibel werden die Gläubigen aufgefordert, die Wahrheit zu suchen und selbst die Wahrheit zu sagen. Im Psalm 15 heißt es, dass diejenigen bei Gott zu Gast sein dürfen, „die makellos leben und das Rechte tun, die von Herzen die Wahrheit sagen und niemanden verleumden“.

Die Notwendigkeit des Lügens

Manchmal kennt man die Wahrheit gar nicht und kann nur das sagen, was man selber erlebt hat, was man gehört hat oder was man sich selbst überlegt hat. Das ist dann ja noch keine Lüge. Im Katechismus der katholischen Kirche (einer Zusammenfassung der Glaubenslehre) wird im Punkt 2482 die Lüge folgendermaßen beschrieben: „Die Lüge besteht darin, dass man Unwahres sagt in der Absicht zu täuschen. Der Herr prangert die Lüge als Werk des Teufels an: ‚Ihr habt den Teufel zum Vater […] Es ist keine Wahrheit in ihm. Wenn er lügt, sagt er das, was aus ihm selbst kommt; denn er ist ein Lügner und ist der Vater der Lüge. (Joh 8,44)‘“ Es heißt dann weiter: „Die Lüge ist der unmittelbarste Verstoß gegen die Wahrheit. Lügen heißt gegen die Wahrheit reden oder handeln, um jemanden zu täuschen, der ein Recht hat, sie zu kennen.“

Das klingt zunächst mal alles ziemlich klar. Dennoch ist es nicht einfach, eine generelle und moralisch einwandfreie Antwort zu geben. Hinter den allermeisten – vielleicht auch hinter allen – Lügen steht eine kleine oder große Not. Manche Lüge erscheint mir oft als Scheinproblem. Hinter mancher Lüge stecken eher folgende Themen:

  • Die Fähigkeit, sich mit der eigenen Realität auseinander zu setzen und dabei auch mit den bitteren Anteilen der eigenen Seele und Bestrebungen zurecht zu kommen.
  • Die Versuchung, es sich durch eine Lüge bequem zu machen
  • Die Fähigkeit, mit den Konsequenzen der eigenen Ehrlichkeit zurecht zu kommen.

Wie wichtig ist Wahrheit?

Es gibt allerdings auch Situationen, in denen eine Lüge – auch moralisch gesehen – geboten ist, zum Beispiel dann, wenn ein Mörder nach dem Aufenthaltsort seines Opfers fragt. Pauschale Antworten auf die Frage, ob und wie viel Lüge erlaubt ist, gibt es also nicht. Wie so oft ist eine Entscheidung in jedem Einzelfall notwendig. Man soll es sich aber nicht zu leicht machen. Wahrscheinlich ist es gut, sich selbst zu fragen, was einem die Wahrheit und der wahrhaftige Umgang miteinander wert sind.

Der Katechismus sagt in Punkt 2484 dazu: „Eine Lüge ist mehr oder weniger schwerwiegend gemessen an der Natur der Wahrheit, die sie entstellt, den Umständen, den Absichten dessen, der sie begeht, und den Nachteilen, die den Belogenen daraus erwachsen.“ Wenn also einem anderen ein Nachteil daraus entsteht, dass ich die Wahrheit sage, ist die Lüge weniger schwerwiegend.

Selbst schon gelogen?

Na klar. Wer ist schon perfekt. Grundsätzlich bemühe ich mich aber nach einem Ratschlag zu leben, der dem Philosophen Sokrates zugeschrieben wird. Es wird berichtet, dass Sokrates seine Freunde aufgefordert habe, das was sie zu erzählen hätten, durch drei Siebe zu sieben. Das erste Sieb sei das Sieb der Wahrheit, das zweite das Sieb des Guten und das dritte das Sieb der Notwendigkeit. Sokrates rät, „wenn die Geschichte, die du mir erzählen willst, nicht wahr ist, nicht gut ist und nicht notwendig ist, dann vergiss sie besser und belaste mich nicht damit!“

Versprechen der Politik

Ich habe sehr hohen Respekt vor Politikerinnen und Politikern. Sie engagieren sich in den Parteien, übernehmen Verantwortung, vermitteln zwischen Bürgern und Entscheidungsträgern, fassen Beschlüsse und mühen sich um die Kommune, die Region und das Land. Sie werden oft konfrontiert mit widersprüchlichen Meinungen, müssen sich selbst in viele – auch sehr komplexe – Themenbereiche einarbeiten und im politischen Diskutieren Kompromisse schließen.

Das was Politikerinnen und Politiker im Wahlkampf versprechen, dafür sollen sie sich natürlich auch einsetzen. Ich sehe die Versprechen eher als Zielperspektive. Im Alltag muss man dann halt schauen, was mit den Koalitionspartnern möglich ist. Problematisch empfinde ich das politische Geschäft dann, wenn man versucht mit populistischen Parolen Stimmen zu fangen und völlig unrealistische Forderungen zu erheben. Hier sind dann aber die Wählerinnen und Wähler gefragt, die sich von solchen Auswüchsen distanzieren sollten. Die Forderung an die Politikerinnen und Politiker wahrhaftig zu sein, muss von den Wählerinnen und Wählern ausgehen und dann auch belohnt werden.