Jeden Morgen zieht Sandra Herrmann aus Hallstadt ihre Kompressionsstrümpfe an –
bis zu einer halben Stunde kann das dauern. Doch es hilft ihr, die Schmerzen in den Beinen auszuhalten. Die 41-Jährige leidet unter der Krankheit „Lipödem“, eine Fettverteilungsstörung. Im Interview erzählt sie von ihrem täglichen Kampf mit dem krankhaften Fett und warum sie wegen der Krankheit keine Kinder bekommen hat.

Ein absoluter Albtraum für alle Frauen: Arme und Beine werden immer dicker, ohne dass man etwas dagegen tun kann. Täglicher Sport und sämtliche Diäten bringen einfach nichts. Sandra Herrmann aus Hallstadt geht es seit ihrem 14. Lebensjahr so. Eine schwere Zeit für die heute 41-Jährige. „Meine Beine wurden einfach immer dicker, obwohl ich nichts an meiner Ernährung geändert habe und immer weiter Sport gemacht habe“, erklärt Sandra. Auch ihr Hausarzt habe damals gleich bemerkt, dass mit ihr etwas nicht stimmt und schickte sie zu einem Spezialisten. „Doch der hat einfach nur zu mir gesagt: ,Mädel, nimm ab!‘ Ich habe es einfach nicht verstanden.“ Sandra war fix und fertig und aß deswegen noch weniger. Das Resultat: Mit knapp 18 Jahren war sie fast magersüchtig.

Ernährung spielt keine Rolle

Erst ein Jahr später, nachdem ihr Hausarzt sie noch einmal zum Phlebologen, einem Spezialisten für Gefäßerkrankungen, schickte, bekam Sandra die endgültige Diagnose: Lipödem – eine Fettverteilungsstörung, die vererbbar ist. Unterhautfettgewebe setzt sich vermehrt an Beinen, Po und Armen an. „Sobald du dann wenigstens mal eine Diagnose hast, weißt du, du spinnst dir das nicht nur zusammen“, erklärt Sandra. Denn Fakt ist: Es kommt nicht von zu viel Essen – auch wenn das Außenstehende immer als Erstes denken.

Lipödem - <br>ein Leben mit der Krankheit

Bamberg; Sandra Hermann erzählt ihre Geschichte zu Lipödem; Foto: Barbara Herbst

Sandra Herrmann wippt während des Interviews auf ihrem Stuhl hin und her und streicht mit ihrer Hand immer wieder über ihre Oberschenkel. „Ich bin tierisch nervös“, schallt es auf einmal aus der 41-Jährigen heraus. „Schließlich ist das heute eine Art Outing für mich.“ Bis vor einem Jahr wusste kaum jemand, dass Sandra bereits seit 27 Jahren unter der Krankheit leidet. Viele Jahre hatte sie mit ihrem Aussehen zu kämpfen und hat sich am liebsten hinter weiten Klamotten versteckt. Das Signifikante: Betroffene haben oft einen schmalen Oberkörper, teilweise sogar eine Wespentaille, die Beine sind und bleiben jedoch dick – trotz Sport und Diäten. „Bei mir hat es richtig Klick gemacht, als ich letztes Jahr auf Reha war“, erklärt Sandra.

Dort habe sie gesehen, was aus ihr werden kann, wenn sie ihre Krankheit nicht endlich annimmt. Am ersten Tag der Reha hat sie viele Frauen gesehen, die am Gehwägelchen gelaufen sind. „Ich hatte so Panik. Das ist für mich die schlimmste Vorstellung, irgendwann nicht mehr laufen zu können.“ Für Sandra war es klar: Sie wird alles dafür tun, dass es bei ihr nicht so schlimm wird. „Wenn du die Behandlung wie Lymphdrainage nicht konsequent durchführst, nicht regelmäßig Sport machst und keine Kompression von außen da ist, dann wächst das einfach weiter und weiter“, erklärt sie.

Viele Jahre schluderte sie mit der Therapie. Sie ging nicht regelmäßig zur Lymphdrainage und auch ihre Kompressionsstrümpfe zog sie nicht immer an. Ein Fehler, wie sie heute weiß. „Wenn ich es nochmal ändern könnte, würde ich es tun.“ Seit gut einem Jahr trägt sie die Kompressionsstrümpfe, die ihr die Schmerzen in den Beinen nehmen, nun konsequent von morgens bis abends. Sie geht vier bis fünf Mal in der Woche zum Sport – von Schwimmen über Aqua Cycling bis hin zu Yoga. Und auch ihre Ernährung hat die 41-Jährige komplett umgestellt. „Ich habe gelernt, anders mit meiner Krankheit umzugehen und alles dafür zu tun, dass es mir besser geht.“ Doch auch bei Sandra musste erst etwas passieren, dass sich etwas ändert. „Ein guter Freund von mir ist ganz plötzlich verstorben. Da wurde mir bewusst, dass ich keine tödliche Krankheit habe und etwas tun kann. Da hat es bei mir Klick gemacht.“

Lipödem - <br>ein Leben mit der Krankheit

Bamberg; Sandra Hermann erzählt ihre Geschichte zu Lipödem; Foto: Barbara Herbst

Lange hat sich die 41-Jährige hinter weiten Klamotten versteckt. Auch damit ist nun Schluss. „Ich ziehe fast nur noch Kleider und Röcke an – auch auf Arbeit. An dem ersten Tag, als ich reingelaufen bin, war ich nervöser als beim Vorstellungsgespräch“, erzählt Sandra und lacht. Zwar würden manche wegen den dicken Kompressionsstrümpfen komisch schauen – besonders bei 30 Grad im Sommer. Doch darüber schaut die 41-Jährige mittlerweile hinweg.

Krankheit bestimmt das Leben

Für Sandra war es der richtige Schritt, ihre Geschichte öffentlich zu machen. „Ich habe die Krankheit und muss es annehmen. Umso mehr ich mich damit beschäftige und je offener ich damit umgehe, desto besser geht es mir.“ Und das obwohl die Krankheit Sandra in den letzten Jahren stark eingeschränkt hat. „Ich habe jahrelang Badminton gespielt, das musste ich jetzt aber leider aufhören. Ich kann es einfach nicht mehr.“ In den letzten zwei Jahren habe sich alles nochmal radikal verschlechtert. „Aber ich habe immer versucht, mich nicht von der Krankheit einschränken zu lassen“, meint Sandra. Immer konnte die 41-Jährige das jedoch nicht umsetzen. „Heute kann ich es sagen: Aufgrund der Krankheit habe ich keine Kinder“, sagt Sandra. Und man merkt, wie bei diesem Satz das strahlende Lachen aus ihrem Gesicht verschwindet.

Die 41-Jährige liebt Kinder und hätte gerne eigene gehabt. Doch Auslöser der Krankheit können hormonelle Veränderungen sein wie beispielsweise die Pubertät. Auch bei einer Schwangerschaft gerät der Hormonhaushalt einer Frau mächtig durcheinander. Bei einer Schwangerschaft hätte sich der Gesundheitszustand von Sandra noch weiter verschlechtern können. „Ich hatte immer Angst, dass ich mich wegen der Schwangerschaft verdoppelt hätte. Es sind ja nicht nur ein paar Kilos, die ich zugenommen hätte, wir reden hier wirklich von verdoppeln. Ich hatte Angst, dass ich das irgendwann meinem Kind vorhalte und ihm die Schuld dafür gebe.“ Denn die Kilos, die Sandra während einer Schwangerschaft an den Beinen zugenommen hätte, wäre sie nie mehr losgeworden. Wenn sie heute zurückschaut, sei das der größte Verzicht, den sie aufgrund der Krankheit überhaupt gemacht hat.

„Heute sage ich: ,Scheiß‘ drauf, hätte ich es doch gemacht‘. Dann hätte man wieder gelernt, wie man mit der neuen Situation umgehen muss. Auf Kinder zu verzichten, war das Blödeste, was ich hätte machen können“, schaut Sandra heute zurück. Die Krankheit habe sie oft gehemmt, ihr Leben so zu leben, wie sie es gerne gewollt hätte. „Jeder muss seinen Weg finden, aber er sollte nicht darauf verzichten, was er unbedingt will.“

Lipödem - <br>ein Leben mit der Krankheit

Bamberg; Sandra Hermann erzählt ihre Geschichte zu Lipödem; Foto: Barbara Herbst

Anlaufstelle: Selbsthilfegruppe

Die Treffen finden immer jeden letzten Dienstag im Monat von 18 bis 21 Uhr im Seniorenzentrum der AWO in der Gartenstadt, Hauptsmoorstraße 26 a in Bamberg, statt. Bei Fragen einfach an Heike Brack (0152/02564324) wenden oder eine Mail an lip-lymph-selbsthilfe-bamberg@web.de.

Weitere Infos gibt es unter www.liplymphselbsthilfebamberg.wordpress.com oder www.facebook.com/liplymphselbsthilfe.