Kaffeeduft am Morgen, frisch gemähtes Gras oder auslaufendes Benzin – Menschen, die ihren Geruchssinn verloren haben, nehmen all diese Gerüche – seien es nun leckere oder weniger leckere – nicht mehr wahr. Wie das ist, weiß Matthias Sünkel aus Schneckenlohe im Landkreis Kronach nur zu gut.

Ein Auto an einem Berg. Auf dem Fahrersitz ein junger Mann. Daneben ein Mann um die 50. Die Zündung geht. Ruckelnd fährt das Auto an. Abgewürgt. Wieder die Zündung. Ruckelndes Anfahren. Abgewürgt. So geht das ein paar Mal. „Irgendwie stinkt es hier drinnen“, meint der junge Mann zu seinem Beifahrer. „Oh, das ist die Kupplung, dann hören wir jetzt lieber auf zu üben“, sagt der Mann um die 50. Das ist Matthias Sünkel, Fahrlehrer im Landkreis Kronach. Wenn er mit seinen Fahrschülern das Anfahren am Berg übt, ist er immer auf die Nase seiner Schützlinge angewiesen. Er selbst riecht nichts mehr – kein frisch gemähtes Gras, kein verbranntes Toastbrot und auch nicht die Kupplung, wenn seine Schüler das Fahrschulauto mal wieder zu oft am Berg abgewürgt haben. Anosmie nennt sich das, wenn ein Mensch nichts mehr riecht und keinen Geruchssinn mehr hat. Die Gründe dafür können unterschiedlich sein. „Zum einen können Infektionen, starke virale Infekte wie Grippe- oder Influenzaviren dazu führen, dass ein Mensch für eine gewisse oder auch längere Zeit seinen Geruchssinn verliert“, erklärt Dr. Andreas Eckert, Chefarzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde am Klinikum Bamberg. „Zum anderen können aber auch Polypen in der Nase die Ursache sein. Diese verhindern, dass die Geruchsstoffe, die über die Nase aufgenommen werden, an der Riechrinne ankommen.“ Aber auch Unfälle, wie beispielsweise Verkehrsunfälle, bei denen es zu einer Schädigung der Nervenfasern beziehungsweise Riechfasern kommt, können die Ursache sein. Hinter Matthias verlorenem Geruchssinn vermutet man genau das. Bei einem Unfall auf einer Baustelle sind wahrscheinlich seine Geruchsnerven beschädigt worden, so der Arzt, den er vor Jahren einmal aufgesucht hat. Was letztlich die genaue Ursache ist, spielt für Matthias aber keine so große Rolle. Denn Fakt ist: Sein Geruchssinn ist seit mehr als 15 Jahren weg. Parfum, Benzin oder leckere Essensdüfte – für seine Nase macht das keinen Unterschied mehr.

Ich esse immer noch gerne und viel. Vor allem scharfes Essen. Da schmecke ich wenigstens noch mehr.

Mit seinem Geruchssinn hat der 50-jährige Oberfranke auch einen Großteil seines Geschmackssinns verloren. „Grundsätzlich schmecke ich schon noch was, aber bei weitem nicht mehr so feinsinnig.“ Süß, sauer, bitter und salzig – das könne er noch auseinanderhalten. Aber feine Nuancen wie Zimt – keine Chance. Dennoch bildet er sich manchmal ein, auch feine Geschmacknoten noch zu erkennen. „Beim Bier merke ich komischerweise immer noch, dass ein Bier aus der fränkischen Schweiz aromatischer und kräftiger schmeckt als ein Münchner Hell.“ Und auch Meerrettich, den er für sein Leben gerne isst, fährt ihm immer noch ordentlich in die Nase. Alles nur Einbildung, weil sich sein Gehirn daran erinnern kann, wie diese Lebensmittel eigentlich schmecken? „Das Bewusstsein spielt schon eine Rolle“, bestätigt der HNO-Experte. Generell habe man aber eine sehr viel geringere Schmeckintensität, wenn der Geruchssinn wegfällt. „Über die Geschmacksknospen auf der Zunge werden zwar noch die Grundgeschmäcker süß, bitter, salzig und sauer wahrgenommen.  Alles andere was darüber hinausgeht, wird aber über den Geruchssinn vermittelt.“ Die Lust am Essen hat Matthias dadurch aber nicht verloren.

Anosmie: mehr als nur Geruchsverlust

Auch wenn Matthias durch die Anosmie ein Stück Lebensqualität verloren hat, seinen Humor, so scheint es, hat er nicht verloren. Zum Glück! Denn es kann auch vorkommen, dass Menschen ohne Geruchssinn in eine Depression rutschen. „Wenn jemand ohne Riechwahrnehmung leben muss, in diesem Kontext quasi isoliert lebt, kann es durchaus zu Stimmungseinbußen kommen“, erklärt der HNO-Experte. Denn Emotionen werden häufig über den Geruch transportiert. Man denke nur an den bekannten Satz „Ich kann dich gut riechen“, der vor allem in der Partnerschaft eine Rolle spielt. „Ein anderes Thema, bei dem der fehlende Geruchssinn sogar zur echten Gefahr werden kann, ist bei einem Brand“, ergänzt der Mediziner. Gerade in der Nacht sei das Wachwerden durch Brandstoffe, die über die Nase aufgenommen werden, ein wichtiger Notmechanismus des Körpers. „Wir weisen Patienten mit einer Anosmie deshalb immer darauf hin, dass sie mit Brandmeldern ausgestattet sind.“ Zwar hat es bei Matthias zuhause noch nicht gebrannt, trotzdem weiß auch er nur zu genau über die Gefahren. Der Hobby-Autoschrauber werkelte mal an einem Oldtimer, wobei ihm aus Versehen die Kraftumleitung runterrutschte und Benzin auslief. Trotz des stechenden Geruchs des Kraftstoffs, merkte es der 50-Jährige aber erst als er in einer Pfütze stand. „Wäre ich Raucher, hätte das auch ins Auge gehen können.“

Heilung nicht ausgeschlossen

Generell ist eine Heilung bei Anosmie nicht ausgeschlossen. Entscheidend ist die Ursache hinter dem Verlust des Geruchssinns. Vor allem bei einer stark ausgeprägten Polypenbildung ist die Chance auf Heilung durch eine Operation gut. „Genauso ist die Wahrscheinlichkeit bei Infekten hoch“, so Eckert. Mithilfe spezieller Nasensprays oder einer Kortisonbehandlung könne man das Riechen schnell wieder verbessern. Anders sieht es aus, wenn die Riechnerven beschädigt oder durchtrennt sind. Ist dies der Fall hat auch der Mediziner eher wenig Hoffnung. Trotzdem rät er aber immer dazu seinen Geruchssinn zu trainieren. „Gerade wenn noch ein Rest des Geruchssinns da ist, kann das einen ganz guten Effekt haben.“ Dass sein Geruchssinn wieder zurückkehrt, daran glaubt Matthias nicht mehr wirklich. „Man darf das alles aber auch nicht immer nur negativ sehen. Ich rieche zum Glück auch keine unangenehmen Gerüche. Wenn ich beispielsweise mit meiner Frau mit dem Cabrio übers Land fahre und ein Bauer auf dem Feld Gülle verteilt hat, rieche ich das zum Glück auch nicht mehr“, erzählt er und lacht.