Auspowern und Energie rauslassen – das ist für Kinder mit ADHS besonders wichtig. Das weiß auch Michael Werb aus Eltmann, der in seiner Kindheit und Jugend selbst unter dieser Krankheit litt. Beim Don Bosco Jugendwerk in Bamberg betreut der Heilerziehungspfleger nun Jugendliche mit dem gleichen Störungsbild. Der 26-Jährige weiß genau, was für eine Belastung das für die Jugendlichen ist.

Gewusel im zweiten Stock des Canisiusheims in Bamberg. Aus jedem Zimmer kommen die Jungs herausgerannt. Erste Anlaufstelle: das Bad. Schnell Hände waschen und ab zum Mittagessen. Besteck klappert auf dem Tisch, ein Glas fällt um. Alle acht Jungs auf der Gruppe wollen ihrem Betreuer Michael Werb am liebsten sofort erzählen, was sie heute in der Schule erlebt haben. Volle Lautstärke und Action. „Beim Essen wird es oft mal etwas lauter“, erzählt der Heilerziehungspfleger und grinst. Den Jungs falle es schwer, sich ruhig zu verhalten. Der Grund bei vielen: ADHS – Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivitätsstörung. Kernsymptome sind Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität, wobei die Ausprägung bei jedem ganz unterschiedlich ist. „Man merkt, dass sie sich nicht über einen längeren Zeitraum auf eine gewisse Aktivität konzentrieren können. Sie lassen sich ganz leicht ablenken und haben ein sehr hohes Aktivitätsniveau. Sie wollen immer beschäftigt werden“, erklärt Michael. Das gemeinsame Essen oder auch das Hausaufgaben machen, wo sie still sitzen und sich konzentrieren müssen, ist deswegen besonders schwierig. „Wenn irgendetwas auf ihrem Schreibtisch oder in ihrem Zimmer herumliegt, mit dem sie ein wenig herumspielen können, schon sind sie abgelenkt.“

Deswegen geht es am Nachmittag erst einmal raus: Basketball spielen. Zwei gegen zwei, bis die ersten 20 Körbe haben. „Los Michi, noch ein Dunk“, ruft Paul, der neben dem Spielfeld steht, seinem Betreuer enthusiastisch zu. Auspowern und Energie rauslassen – das ist für Kinder mit ADHS besonders wichtig. „Zusätzlich zum täglichen Programm versuchen wir jedes Wochenende, eine Aktion zu machen. Manchmal gehen wir ins Schwimmbad oder in die Turnhalle. Und dann gibt es noch unseren Erlebnispädagogen, der mit jedem Einzelnen noch Stunden verbringt – beispielsweise beim Fahrradfahren oder in der Holzwerkstatt“, erklärt der Heilerziehungspfleger. Zudem sei es wichtig, dass jeder der Jungs außerhalb der Gruppe sein eigenes Hobby hat, das ihm Spaß macht.

Wenn man Tim fragt, würde er sich Angeln und Bogenschießen raussuchen. Sehr ruhige Hobbys für ein Kind mit ADHS, oder? „Ja, aber sie selbst wissen am besten,  was ihnen gut tut.“ Tim kommt beispielsweise beim Lego-Bauen runter. „Da sitzt er teilweise stundenlang und baut konzentriert vor sich hin“, erklärt Michael, der früher selbst ADHS hatte. Bei ihm verschwand die Krankheit mit dem Alter. „Als Jugendlicher sieht man es schon als Belastung, weil man ständig zum Arzt muss. Wenn man da keine Struktur hat und sich nicht auf die Termine einstellen kann, ist es ganz schwer, sich darauf einzulassen“, weiß Michael aus eigener Erfahrung. Denn für Kinder und Jugendliche mit ADHS ist Struktur das Allerwichtigste: „Sie müssen ganz genau wissen, wann welcher Termin ist und was den Tag über geplant ist.“ Wenn es keine Struktur gibt, könne es auch schon einmal vorkommen, dass das den ein oder anderen komplett aus der Bahn wirft.

Eltern könne das schnell überfordern, weiß Michael aus seinem Alltag als Heilerziehungspfleger. „Sie wissen oft nicht, wie sie ihrem Kind helfen beziehungsweise überhaupt erst an es rankommen können. Das ist oft das Problem.“ Dabei könne es manchmal helfen, sich Hilfe von außen zu suchen, wie beispielsweise die Familienunterstützung vom Jugendamt oder die Betreuung beim Fußball- oder Karateverein. „Um meine Energie rauszulassen, habe ich Volleyball und Fußball gespielt. Fünf bis sechs Mal die Woche hatte ich Training. Das hat mir richtig gut getan.“

Eine Frage haben wir am Ende noch an Michael: „Wie fühlt sich ADHS eigentlich kann? Kannst du das beschreiben?“, fragen wir ihn. „Nö“, antwortet er. „Das kann man nur beschreiben und verstehen, wenn man es selber auch hat.“ Dass er früher selbst unter ADHS litt, sei deswegen manchmal auch ein Vorteil bei seiner Arbeit. „Ich weiß einfach, wie es sich anfühlt, was es mit einem macht. Ich verstehe die Jungs.“

Begriffsdefinition:

ADS steht für Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom. Kinder mit ADHS sind zusätzlich hyperaktiv. In 50 Prozent aller Fälle verwächst sich die Aufmerksamkeitsstörung.