Anja Goetzke ist unterwegs zuhause. Rund 48 Wochen im Jahr ist die allein reisende, selbstständige Schaustellerin  auf Volksfestplätzen in Deutschland und einigen Nachbarländern mit ihrem Fahrgeschäft auf Tour und sorgt dort für Rauschzustände in 45 Metern Höhe. 

Zuhause. Ein weitläufiger Begriff. Für die eine sind das die eigenen vier Wände. Für die nächste eine ganze Stadt. Mein Zuhause beginnt zwei Linkskurven vor der Straße, in der ich wohne. Kaum setze ich den Blinker, fühle ich mich daheim, bin irgendwie angekommen, kenne praktisch jedes Steinchen und jeden Grashalm beim Namen.

Für Anja Goetzke aber ist „Zuhause“ weder eine Wohnung, noch eine Straße. Nicht mal eine Stadt. In einer Wohnung lebt Anja ohnehin lediglich acht bis zehn Wochen im Jahr. Den Rest der Zeit lebt die Schaustellerin im Wohnwagen auf den Volksfestplätzen in Deutschland, Österreich, der Schweiz oder Holland. Zurzeit ist Nürnberg die Stadt, in der sie für drei Wochen lebt. Es ist Frühlingsfest und Anja steht mit ihrem Fahrgeschäft „Höhenrausch“ am Ufer Dutzendteichs. Anschließend ist Ansbach ihr Wohnort auf Zeit, dann Bregenz, dann Holland. Trotzdem hat auch sie etwas, das sie Zuhause nennt: „Mein Zuhause ist dort, wo meine Familie ist.“  Vor allem dort, wo ihr Sohn ist.

Anja stammt aus einer Schaustellerfamilie. Ihre Eltern reisten mit einem Imbisswagen in einem Umkreis von 50 Kilometern um ihre Heimatstadt. Anja war mit dabei. Später lernte sie – selbstverständlich auf einem Volksfest – ihren damaligen Mann kennen. Und, wie sollte es anders sein, stammt auch er aus einer Schaustellerfamillie. „Die Familie meines Exmannes hatte mehrere Fahrgeschäfte“, sagt Anja.  Und Anja stieg ins Business mit ein, erweiterte ihren Radius und reiste von Volksfest zu Volksfest. Anja wurde schwanger und die beiden reisten mit ihrem Sohn weiter. „Kurz vor der Einschulung meines Sohnes trennten wir uns dann“, erzählt Anja.

Und da stand Anja nun. Geschieden, mit Sohn und einer Ausbildung als Rechtsanwaltsgehilfin, auf die ihre Eltern damals bestanden hatten. „Aber was sollte ich machen? Ich bin einfach nicht fürs normale Leben gemacht“, sagt sie und zuckt mit den Schultern. In ihren Adern fließt Schaustellerblut. Für Anja ist es schon fast zu „eintönig“, wenn sie vier Wochen am Weihnachtsmarkt in Heidelberg mit einem Stand steht. „Vier Wochen an einer Stelle sind mir genug. Danach kann es gerne wieder weitergehen.“ Deswegen war für Anja auch damals nach der Trennung klar: „Ich mach weiter.“ Alleine. Mit Schulkind.

Sie und ihre Exmann machten kurzerhand halbe-halbe. Jeder bekam zwei Fahrgeschäfte.  „Ein Fahrgeschäft verkaufte ich bald, da mir eines genug war.“ Ihr Sohn allerdings reiste nicht mehr mit. „Das war keine leichte Entscheidung“, sagt Anja. Doch sie wollte, dass ihr Sohn eine Schule besuchen kann. Jeden Tag. „Und nicht, dass er alle paar Wochen sich an neue Lehrer und Klassenkameraden gewöhnen muss.“ Ihr Sohn blieb bei den Großeltern. Anja reiste von Volksfest zu Volksfest.  Am Wochenende kamen die Großeltern Anja mit ihrem Sohn besuchen. „Es war wirklich schwer, doch dank meiner Eltern konnte mein Sohn einen festen Freundeskreis aufbauen und ein festes Zuhause haben.“

Trotzdem: Ihr Sohn möchte in ihre Fußstapfen treten. „Inzwischen ist er alt genug und besucht mich häufig von sich aus mit dem Zug.“ Er packt überall mit an, seine Ferien verbringt er bei seiner Mutter. „Ich verstehe seinen Berufswunsch logischerweise.“ Aber Anja hat Bedenken. Der Job sei härter geworden, die Besucherzahlen auf den Festen ruckläufig. „Früher sparten die Leute das ganze Jahr auf das Volksfest. Heute ist das anders. Heute gibt es so viele Freizeitangebote, dass ein Volksfest nur noch eine Sache von vielen ist“, sagt Anja.

Momentan läuft es gut. Anja hatte Glück und konnte ein begehrtes Fahrgeschäft ergattern. Sie verkaufte ihr altes und schnappte sich das gebrauchte Fahrgeschäft „Höhenrausch“ für zwei Millionen Euro. „Ich hatte das Geschäft schon in Betrieb gesehen und wusste daher, dass es ein Besuchermagnet ist.“ Dank ihres „Höhenrauschs“ konnte Anja auch einen heißbegehrten Platz auf der Münchner Wiesen ergattern. „Klar, das ist ein super Standort“, sagt sie. Wobei die Wiesen auch das anstrengendste aller Feste ist. Es ist auch das einzige Fest, an dem der Fahrpreis höher als sonst ist. „Ich muss dort noch zusätzliche Kosten für Security aufbringen“, erklärt sie.

Bis in den späten Herbst hinein ist Anja auf den Volksfesten unterwegs. Lebt in ihrem Wohnwagen, in dem es ihr an nichts fehlt. „Ich habe drei Fernseher, einen Dampfgarer, ein Ceranfeld, eine Einbaukaffeemaschine, eine Waschmaschine. In einer Wohnung kannte nicht besser ausgestattet sein.“ Und auch an Freunden fehlt es ihr nicht. Schließlich kommen fast alle aus der Welt der Schausteller und leben wochenweise als Nachbarn auf den verschiedenen Volksplätzen. Weihnachten verbringt sie auf dem Weihnachtsmarkt in Heidelberg. „Bis Heilig Abend möchte ich dann auch, dass das kommende Jahr durchgeplant ist“, sagt Anja. Damit es wieder 48 Wochen lang heißen kann: „Eine neue Runde, eine neue Fahrt!“