Ein Druck in den Fingerspitzen, der auf einmal durch den ganzen Körper schießt – und das in weniger als einer Sekunde. Schon setzt bei Laura-Luisa Gerhardt aus dem mittelfränkischen Pleinfeld ein Tic ein – manchmal laut, manchmal leise. Die 17-Jährige hat seit 10 Jahren das Tourette-Syndrom. Ihre positive Art und ihr offener Umgang mit der Krankheit sind einfach nur bewundernswert.

Ein Ausflugsdampfer tuckert auf dem wunderschönen Brombachsee umher. Die Wellen brechen sich am Bug des Schiffes. Die Sonne scheint und die Leute genießen bei einem schönen Tässchen Kaffee die idyllische Rundfahrt. „Feuer, Feuer“, schreit eine Frauenstimme auf einmal lautstark über das Schiff. Einige Gäste zucken zusammen und blicken hektisch umher. Ein paar Tische weiter sitzen zwei junge Frauen und fangen an, zu kichern. Ein blöder Streich? Nein, damit hat der laute Ausruf definitiv nichts zu tun – auch wenn das die meisten denken und die beiden jungen Frauen dafür einige böse blicken kassieren. „Es klingt zwar immer wie eine Ausrede, wenn wir sagen, wir haben Tourette und können nichts für unsere Tics, aber es ist so“, erklärt Laura-Luisa Gerhardt aus dem mittelfränkischen Pleinfeld. Die 17-Jährige hat das Tourette-Syndrom, eine neuropsychiatrische Erkrankung, die durch Tics charakterisiert ist. Diese treten meist unwillkürlich und sehr plötzlich auf. Wie sich diese Tics äußern, ist von Betroffenem zu Betroffenem unterschiedlich: Von Gesichts-Grimassen über lautes Schreien bis hin zu Muskelzuckungen. Den Bootsausflug hat Laura damals gemeinsam mit Michelle, die auch das Tourette-Syndrom hat, für einen Fernsehbeitrag von Prosieben gemacht. Damals sahen sich die beiden jungen Frauen zum ersten Mal und verstanden sich auf Anhieb.

Obwohl Laura selbst die Krankheit hat und ganz genau weiß, was in Michelle vorgeht,  waren manche Situationen sehr unangenehm für die 17-Jährige. „Wenn Michelle ,Fettarsch voraus‘ oder ,Feuer‘ geschrien hat oder Teller durch die Gegend geschmissen hat, das war schon sehr unangenehm – nicht nur für Außenstehende, sondern auch für den Betroffenen selbst.“ Aber Laura und Michelle haben alles mit Humor genommen.

Negative Aufmerksamkeit durch Krankheit

Laura schreit krankheitsbedingt nur manchmal Wörter laut durch die Gegend. Und darüber ist sie auch froh. „Das Schreien ist wirklich sehr unangenehm. Man zieht die komplette, negative Aufmerksamkeit auf sich und bekommt dementsprechend auch die Reaktionen von den anderen Leuten. Das ist aber auch verständlich, es weiß ja nicht jeder gleich, das du Tourette hast.“ Im Gespräch rümpft Laura auf einmal mehrmals ihre Nase, krampft ihre Hände plötzlich zusammen, räuspert sich und wirft immer wieder ihren Kopf in den Nacken. „Kaum spricht man darüber, kommen die Tics“, sagt Laura nach ein paar Wiederholungen und lacht. Auch negative oder positive Aufregung verschlimmern die Tics oft. Was für Außenstehende ziemlich plötzlich kommt, kündigt sich bei Laura kurz vorher an: Ein Druck in den Fingerspitzen, der plötzlich durch den ganzen Körper schießt – und das innerhalb weniger Millisekunden. „Eigentlich ist es wie beim Niesen“, erklärt sie uns.

Wie offen die 17-Jährige mit ihrer Krankheit umgeht, ist wirklich bewundernswert. Als sie sieben Jahre alt war, haben sich die Tics erstmals bei ihr bemerkbar gemacht. „Ich habe immer meinen Kopf nach hinten geschmissen wie ein Pferd. Meine Eltern haben zu mir gesagt: ,Mensch Laura, du musst doch nicht ständig ein Pferd nachmachen.‘“ Mit der Zeit kamen das Räuspern und das Hände-Krampfen noch dazu. Ein Arztbesuch nach dem anderen, verschiedene Diagnosen wie Epilepsie oder Gehirntumor und drei Jahre nach dem ersten Tic kamen die Ärzte darauf: Laura hat das Tourette-Syndrom.

Kampf um den Traum als Fotografin

Doch ihr Leben lässt sich Laura davon nicht einschränken, auch wenn die Schulzeit nicht gerade einfach war. „In der fünften und sechsten Klasse wurde ich gemobbt. Da habe ich gemerkt, wer meine wirklichen Freunde sind. Es war schmerzhaft, aber im Nachhinein besser so“, sagt Laura heute. Nach der Schule hat sie eine Ausbildung zur Fotografin begonnen. Ihr damaliger Arbeitgeber hat ihre Tics von Anfang an akzeptiert und auch für die Kunden sei das in Ordnung gewesen. „Ich glaube, die haben das gar nicht so wahrgenommen. Wenn ich mit meinem Gesicht so Grimassen ziehe, könnten andere auch denken, dass ich mir die Nase jucke“, sagt Laura und lacht. Ihre Ausbildung zur Fotografin musste sie jedoch leider wegen ihrer Epilepsie, die in den letzten Jahren noch dazugekommen ist, abbrechen. Doch ihren Traum hat sie noch immer nicht aufgegeben: Nach einem weiteren Jahr in der Berufsschule, will sie weiter darum kämpfen, Fotografin zu werden.

In Sachen Tourette ist Laura derzeit recht gut mit Medikamenten eingestellt. Diese sollen das Dopamin im Gehirn hemmen. „Man vermutet ja, dass der Überschuss von Dopamin im Gehirn für Tourette verantwortlich ist“, erklärt Laura. Da sich ihr Körper jedoch relativ schnell an neue Medikamente gewöhnt, muss Laura nach ein paar Jahren entweder etwas Neues ausprobieren oder die Dosis erhöhen. Auch medizinischen Cannabis hat Laura schon ausprobiert. Zwei Jahre habe das bei ihr gewirkt. „Wenn ich dann 18 bin, mache ich eine Verhaltenstherapie mit. Da wird dann versucht, wie man seine Tics unterdrücken beziehungsweise umlenken kann.“ Und auch bei einer Cannabis-Studie will Laura bald mitmachen. „Im Tourette-Bereich wird so wenig geforscht. Und wenn es mir nicht hilft, hilft es zumindest den Studienergebnissen und am Ende vielleicht sogar anderen Betroffenen“, sagt die 17-Jährige, die wegen ihren Tics unter chronischen Schmerzen leidet. „Ich habe einen extremen Knochenverschleiß, Arthrose und Osteoporose. Auch meine Bänder, Sehnen und Muskeln sind schnell angegriffen.“ Nur durch eine Botox-Injektion im Nackenbereich, die die Muskeln lähmt, kann Laura manchmal zwei Monate schmerzfrei sein.

Positive Energie und offenes Wesen

Im Gespräch wirft Laura immer wieder ihren Kopf nach hinten, knirscht mit den Zähnen und krampft ihre Hände zusammen. Für Außenstehende ist es anfangs schwer zu ertragen, da man nicht weiß, wie man damit umgehen soll und am liebsten helfen möchte. Doch Laura macht es einem mit ihrer positiven Energie und ihrem offenen Wesen wirklich einfach. Nach dem Gespräch geht es mit Katze Lara und Hund Benjy in den Garten zum Fotoshooting. Laura liebt Tiere, das merkt man direkt: Sie nimmt ihre Katze auf den Arm und drückt sie fest an sich. Mit Benjy spielt sie ausgelassen auf der Wiese. Was dabei schnell auffällt: In der ganzen Zeit mit den Tieren hat Laura keinen einzigen Tic. Auch Reiten geht Laura für ihr Leben gern. „Zum einen macht es mir schon immer richtig viel Spaß, zum anderen habe ich auch da stundenlang kaum Tics. Tiere sind einfach die besseren Therapeuten. Für die Zeit bin ich wirklich geheilt.“